Gesundheitssysteme weltweit geraten unter wachsenden Druck – durch alternde Gesellschaften, fehlendes Personal, geopolitische Konflikte, Cyberangriffe und Klimafolgen. Die achte Ausgabe der Roland-Berger-Studienreihe „Future of Health“ zeigt: Die Dringlichkeit ist erkannt, doch zwischen Problembewusstsein und tatsächlicher Vorsorge klafft eine erhebliche Lücke. Für die Studie wurden 486 Fachleute aus Politik, Kostenträgern, Versorgung sowie Pharma- und Medizintechnikunternehmen international befragt.
Größte Risiken treffen auf die geringste Vorbereitung
81 Prozent der Befragten sind überzeugt, dass die Widerstandsfähigkeit von Gesundheitssystemen künftig wichtiger wird. In Deutschland liegt der Anteil sogar bei 86 Prozent, in der Schweiz bei 79 Prozent und in Japan bei 60 Prozent. Besonders kritisch: Ausgerechnet bei den als besonders schwerwiegend eingestuften Belastungen – demografischer Wandel, Fachkräftemangel und geopolitische Konflikte – wird die eigene Vorbereitung am schwächsten bewertet. Kein einziger Befragter hält sein Gesundheitssystem für vollständig gerüstet, um geopolitisch bedingte Störungen zu bewältigen.
Die Bereitschaft, in Vorsorge zu investieren, ist dennoch hoch: 73 Prozent stellen Widerstandsfähigkeit vor kurzfristige Bezahlbarkeit. Regional zeigen sich deutliche Unterschiede. In den USA befürworten 84 Prozent diesen Kurs, in Europa 78 Prozent und in Asien 75 Prozent. Im Nahen Osten sind es dagegen nur 42 Prozent; dort priorisieren 58 Prozent die Bezahlbarkeit. Auch bei der Verantwortung gibt es Spannungen: 60 Prozent sehen vor allem öffentliche Institutionen in der Pflicht. Für die praktische Umsetzung werden jedoch Krankenhäuser und andere Leistungserbringer mit 62 Prozent am häufigsten als zentrale Akteure genannt, knapp vor nationalen Regierungen mit 59 Prozent.
„Widerstandsfähigkeit darf kein Schalter sein, den Gesundheitssysteme erst in der Krise umlegen. Sie muss im Alltag fest verankert, klar finanziert und eindeutig verantwortet werden. Wer Reservekapazitäten, sichere Lieferketten und digitale Frühwarnsysteme erst aufbaut, wenn die Versorgung bereits unter Druck steht, handelt zu spät“, sagt Thilo Kaltenbach, Senior Partner bei Roland Berger.
Budgets bremsen – Digitalisierung wird zum Hebel
In den Organisationen scheitert der Aufbau belastbarer Strukturen vor allem an fehlenden Mitteln und ungünstigen Rahmenbedingungen. 54 Prozent nennen Budgetbeschränkungen als größte Hürde, 47 Prozent regulatorische oder politische Barrieren. Dahinter folgen fehlende Anreize für Investitionen in Widerstandsfähigkeit mit 41 Prozent und mangelnde Ressourcen mit 37 Prozent. Das Grundproblem: Vergütungssysteme belohnen Behandlungen und Auslastung, nicht aber freie Betten, Vorräte oder kurzfristig mobilisierbares Personal.
Viele Organisationen reagieren bereits: 48 Prozent haben strukturierte Planung und Risikobewertung eingeführt oder vorgesehen, 43 Prozent investieren in Digitalisierung, Automatisierung und Künstliche Intelligenz, 38 Prozent suchen den engeren Austausch mit Behörden und Regierungen. Gleichzeitig zeigt der geringe Anteil von 22 Prozent beim Vergleich mit anderen Organisationen, dass belastbare Maßstäbe und Transparenz noch fehlen. Dabei können interoperable Daten, digitale Frühwarnsysteme und vorausschauende Analysen Engpässe früher sichtbar machen, Personal flexibler steuern und Lieferketten stabilisieren.
Die Studie zeigt abschließend, wie Gesundheitssysteme Krisen besser bewältigen und daraus lernen können. Entscheidend sind verlässliche Strukturen, die eine schnelle Reaktion ermöglichen und zugleich die Versorgung sichern. Dafür müssen Zuständigkeiten klar geregelt und Mittel dauerhaft eingeplant sein. Regierungen schaffen mit verbindlichen Standards und einer gesicherten Finanzierung den Rahmen. Krankenhäuser verankern Widerstandsfähigkeit in ihrer täglichen Steuerung, während Versicherer die Prävention und den Datenaustausch fördern. Pharma- und Medizintechnikunternehmen tragen dazu bei, kritische Produktions- und Lieferkapazitäten zu sichern.
Über die Studie
Für die achte Ausgabe der Studienreihe „Future of Health“ analysierte Roland Berger akute Schocks und langfristige Belastungen für Gesundheitssysteme, verglich internationale Ansätze und befragte 486 Fachleute entlang der gesamten Gesundheitswirtschaft.
Quelle: Roland Berger
