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Unternehmensnews |

Neustart im Bundesgesundheitsministerium: Was die Digital Health-Branche von Carsten Linnemann erwartet

Bundesgesundheitsminister Dr. Carsten Linnemann; Foto: © Bundesregierung / Steffen Kugler

„Einfach mal machen?“ – Welche digitalen Vorhaben der neue Bundesgesundheitsminister jetzt anpacken muss

Seit dem 29. Juli 2026 führt Carsten Linnemann das Bundesgesundheitsministerium. Nina Warken wechselte nach 14 Monaten an die Spitze des Kanzleramts. Linnemann übernimmt damit kein unbeschriebenes Blatt, sondern ein Ressort unter Zeitdruck: Die angestoßenen Reformen müssen jetzt zeigen, ob sie Versorgung verändern oder nur Verwaltung produzieren.

 

Wir haben Branchenexpert:innen gefragt: Was muss der neue Bundesgesundheitsminister sofort umsetzen? Wo braucht es einen Kurswechsel? Und welche Digitalisierungsvorhaben müssen endlich aus dem Pilotstatus in den Alltag?

 

 

Peter Blassnigg, Geschäftsführer Aterima Care
Bild: © Aterima Care

„Vom neuen Bundesgesundheitsminister erwarte ich zunächst Ehrlichkeit: Das PNOG ist ein lebensnotwendiger Schritt, um die Pflegeversicherung kurzfristig handlungsfähig zu halten, aber noch keine nachhaltige Reform. Das Überbrückungsbudget muss eine flexible Leistung bleiben, damit Familien selbst entscheiden können, welche Unterstützung sie im Alltag brauchen. Wer pflegende Angehörige als tragende Säule der Pflege bezeichnet, darf ihre Rentenversicherungsbeiträge nicht kürzen, sondern muss ihre Leistungen anerkennen und absichern. Der Grundsatz muss hier lauten: so viel professionelle Pflege wie notwendig und so viel Selbstbestimmung für Familien wie möglich. Auch bei der Digitalisierung braucht es endlich den Mut zur Umsetzung: Pflegende Angehörige brauchen schnittstellenfähige Software, digitale Prozesse und eine verlässliche Anbindung an Pflegedienste und Kassen.“

 

Peter Blassnigg, Geschäftsführer Aterima Care

 

 

Dr. Christoph Viebig, COO CKM Group
Bild: © CKM Group

„Die digitale Gesundheitsversorgung in Deutschland braucht nicht weniger Regeln, sondern die richtigen. Heute lassen sich viele digitale Anbieter, in der Telemedizin wie im Arzneimittelversand, im europäischen Ausland nieder und bedienen von dort den deutschen Markt. Nicht, weil die Versorgung dort besser wäre, sondern weil die Regeln einfacher sind. Wertschöpfung und Arbeitsplätze wandern ab, die Patientinnen und Patienten bleiben hier.


Meine Erwartung an den neuen Bundesgesundheitsminister: klare Qualitätsstandards für alle, die in Deutschland behandeln, unabhängig vom Firmensitz, und ihre konsequente Durchsetzung. So werden Anbieter aus Deutschland wieder wettbewerbsfähig, und aus der Nachfrage nach digitalen Zugängen entsteht ein verlässlicher Markt mit Versorgung und Arbeitsplätzen im Land statt einer Grauzone, in der der Standort mit den wenigsten Auflagen gewinnt."

 

Dr. Christoph Viebig, COO CKM Group

 

 

Nikolay Kolev, Geschäftsführer Doctolib Deutschland
Bild: © Doctolib GmbH

 

„Mit dem Neustart im Bundesgesundheitsministerium haben wir die Chance zu fragen: Was funktioniert bereits – und wie kommt es in der Fläche an? Digitale Lösungen funktionieren, wenn sie nahtlos in den Praxisalltag passen und Fachkräfte spürbar entlasten. KI kann Verwaltungsarbeit abbauen und Kommunikation stark vereinfachen – für alle. Das gilt auch für Patientinnen und Patienten: Wenn sie automatisch an Vorsorgetermine erinnert werden, online Termine buchen oder eine Überweisung digital weiterleiten, kommen sie schneller zur passenden medizinischen Versorgung. Viele dieser innovativen Lösungen entstehen bei uns im Unternehmen – und sind heute bereits im Einsatz."

 

Nikolay Kolev, Geschäftsführer Doctolib Deutschland

 

 

 

Dr. Wafa Enayati, Co-CEO und Mitgründer Forum für medizinische Fortbildung – FomF
Bild: © FomF

„Digitale Innovation und Künstliche Intelligenz können das Gesundheitswesen spürbar voranbringen. Damit daraus im Alltag von Praxen und Kliniken echter Nutzen entsteht, müssen Ärztinnen und Ärzte ausreichend Zeit für Fortbildung, praktische Erprobung und Mitgestaltung erhalten. KI-Kompetenz ist dabei keine Zusatzaufgabe am Rande, sondern eine Zukunftskompetenz für sichere, verantwortungsvolle und patientennahe Medizin. Wir regen alle Beteiligten dazu an, Digitalisierung als gemeinsamen Entwicklungsprozess zu verstehen – mit den Ärztinnen und Ärzten, nicht nur für sie.“

 

Dr. Wafa Enayati, Co-CEO und Mitgründer Forum für medizinische Fortbildung – FomF

 

 

 

Dr. Tino Großmann, Managing Director PKV & Versorgung bei der ]init[ AG für digitale Kommunikation
Bild: © ]init[ AG

„Digitalisierungsvorhaben sollten von Anfang an einen spürbaren Nutzen für Bürger:innen sowie Leistungserbringer schaffen und nicht nur Bürokratie abbauen. In der Vergangenheit waren Digitalisierungsvorhaben im Auftrag des Gesetzgebers häufig sehr technisch geprägt. Ich erhoffe mir vom neuen Bundesgesundheitsminister, dass er mit dieser Tradition bricht. Eine frühzeitige Einbindung der Industrie kann dabei helfen, zeitnah konkrete Verbesserungen zu erreichen.“

 

Dr. Tino Großmann, Managing Director PKV & Versorgung bei der ]init[ AG für digitale Kommunikation

 

 

Jörg Weise, Geschäftsführer Medgate GmbH
Bild: © Jörg Weise

 

„Carsten Linnemann muss die Notfallreform jetzt ohne weitere Verzögerung durch den Bundestag bringen. Sie enthält erstmals, was vielen Menschen beim Erstkontakt fehlt: eine rund um die Uhr erreichbare ärztliche Ersteinschätzung per Telefon und Video. Das Gesetz ist fertig. Jetzt braucht es den Beschluss.

Steuerung allein löst aber kein Kapazitätsproblem. Gatekeeping ohne zusätzliche Kapazitäten ist eine Warteschlange mit Türsteher. Wer ein Primärarztsystem will, muss ärztliche Telemedizin als vollwertigen Erstzugang einplanen.

 

Jörg Weise, Geschäftsführer Medgate GmbH

 

 

 

Kerstin Wagner, Co-CEO & COO, United Robotics Group (Holding)
Bild: © United Robotics Group

„Machen ist wie wollen – nur krasser. Vom neuen Bundesgesundheitsminister erwarte ich einen echten Fast Track für Innovationen: Was sich in der Versorgung nachweislich bewährt, sollte innerhalb klarer Fristen bewertet und in die Breite gebracht werden können. Heute dauern solche Prozesse oft Jahre, während KI und Robotik die Möglichkeiten der Gesundheitsversorgung rasant verändern. Wenn wir schneller vom Erproben ins Anwenden kommen, gewinnen alle: Beschäftigte werden entlastet, Patientinnen und Patienten besser versorgt und Krankenhäuser können ihre Aufgaben trotz knapper Ressourcen verlässlich erfüllen. Deutschland sollte diese Entwicklung gestalten – und Innovation nicht so lange diskutieren.“

 

Kerstin Wagner, Co-CEO & COO, United Robotics Group (Holding)

Oliver Struckmeier, Geschäftsführer The Medical Network
Bild: © The Medical Network GmbH

„Deutschland hat ePA, DiGA und Telemedizin - auf dem Papier. In der Versorgungsrealität scheitern viele dieser Lösungen an Bürokratie, fehlender Interoperabilität und einem System, das Innovation eher verwaltet als ermöglicht. Carsten Linnemann muss jetzt eine unbequeme Wahrheit aussprechen: Das Problem ist nicht der Mangel an digitalen Tools, sondern ein Gesundheitswesen, das sie systematisch ausbremst. Weniger Pilotprojekte, mehr Verbindlichkeit. Weniger Gremien, mehr Tempo. Und vor allem: den Mut, Strukturen aufzubrechen, die sich gegen Veränderung immunisiert haben. Ob der Ministerwechsel einen Unterschied macht, zeigt sich nicht an der nächsten Strategie, sondern daran, ob Patient:innen und Ärzt:innen in zwölf Monaten sagen: Es ist tatsächlich einfacher geworden."

 

Oliver Struckmeier, Geschäftsführer The Medical Network