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Medizin |

Patienten-E-Mails für mehr Leitlinientreue

Medikamente wirken nur, wenn sie genommen werden. Die EMAIL-HF Studie zeigt, dass eine gezielte Facharztansprache hilfreich sein kann. Aber verprellt das nicht Hausärzteschaft?

Bild: © Taniya – stock.adobe.com, 2055950249, Stand.-Liz., generiert mit KI

Bei der Herzinsuffizienz ist es so, wie bei vielen anderen internistischen Erkrankungen: Die Therapien, die von den Leitlinien der Spezialist:innen empfohlen werden, werden in der realen Versorgung nur teilweise umgesetzt. Nicht immer hat das mit Nebenwirkungen zu tun. Oft fallen die Patient:innen auch einfach aus unterschiedlichen Gründen durchs Raster.

 

Bei der Jahrestagung der European Society of Cardiology (ESC) in München wurde jetzt von Dr. Mariam Elmegaard vom Herlev und Gentofte Universitätsklinikum in Kopenhagen die dänische EMAIL-HF Studie vorgestellt, die sich dieses Problems digital angenommen hat. Konkret ging es um die Behandlung mit Hemmstoffen des Natrium-Glukose-Kotransporters-2 (SGLT2i). Diese gelten heute als Basistherapie für alle Formen der Herzinsuffizienz, mit klaren IA-Empfehlungen in allen relevanten Leitlinien.

 

Kontaktaufnahme per E-Mail, Beratung per Telefon

Umgesetzt wird diese Empfehlung zwar zunehmend häufiger, aber noch längst nicht immer. Vor allem Patient:innen, die „nur“ in hausärztlicher Behandlung sind, haben hier häufiger Lücken. EMAIL-HF war eine registerbasierte Studie, die auf Basis der dänischen elektronischen Patientenakten in der Region Kopenhagen sämtliche Patient:innen identifizierte, bei denen eine Herzinsuffizienz vorlag, bei denen aber kein SGLT2i verordnet wurde. Diese Personen wurden randomisiert zu entweder Standardversorgung oder einer digitalen bzw. genau genommen hybriden Intervention.

 

Die Intervention bestand in einer E-Mail, die die Personen erhielten, und zwar über das staatliche E-Mail-System, über das in Dänemark die allermeisten Bürger:innen für hoheitliche Belange digital erreichbar sind. In dieser Mail wurden die Personen über SGLT2i bei der Herzinsuffizienz informiert, und es wurde ihnen auf freiwilliger Basis angeboten, mit einem/einer kardiologischen Spezialist:in ein kurzes Telefonat zu führen. Dafür mussten die Personen aktiv Kontakt aufnehmen, was nach maximal einem Reminder insgesamt 60 % der Angeschriebenen auf taten.

 

SGLT2i-Verordnungen wurden verdoppelt

Während des Gesprächs wurde gemeinsam die elektronische Patientenakte durchgegangen, und es wurde anhand dessen geklärt, ob ein SGLT2i in Frage kommt oder nicht. Das war bei rund zwei Dritteln, also 40 % der Ausgangspopulation, der Fall. Die Hälfte dieser Patient:innen wollten, dass der SGKT2i sofort, noch während des Telefonast bzw. des Video-Calls angesetzt, wird, was dann auch geschah. Die andere Hälfte wollte zunächst nochmal mit dem jeweiligen Hausarzt, der jeweiligen Hausärztin sprechen. Nur ganz wenige lehnten einen indizierten SGLT2i rundheraus ab.

 

Im Ergebnis zeigte sich, dass durch diese relativ simple Intervention die SGLT2i-Verordnungen tatsächlich anhaltend in die Höhe geschraubt werden konnten. Im Vergleich zur randomisierten Usual-Care-Gruppe war der Anteil der Patient:innen mit leitliniengemäßer SGT2i-Verordnung in der Interventionsgruppe 6 Monate nach dem Telefongespräch mehr als doppelt so hoch. Dieser Unterschied blieb über die 24 Monate Follow-up weitgehend erhalten. Klinisch gab es zudem einen Trend in Richtung weniger Krankenhauseinweisungen wegen Herzinsuffizienz, der aber nicht das Signifikanzniveau erreichte.

 

Versorgungspolitisch ist die spannende Frage natürlich, was die Hausärzt:innen davon hielten. Diese seien keineswegs gebypasst worden, sagte Elmegaard auf Nachfrage von E-HEALTH-COM. Vielmehr sei das Programm gemeinsam entwickelt worden. Nötige Blutuntersuchungen im Nachgang wurden von den Hausärzt:innen vorgenommen. Und die E-Mails wurden auch nicht alle auf einmal, sondern in Chargen versandt, um zu verhindern, dass zu viele Patient:innen gleichzeitig in die Praxen kommen. Alles in allem habe es sich um eine ausgesprochen erfolgreiche und relativ kostengünstige Maßnahme gehandelt, mit der die Versorgung bei der Herzinsuffizienz gezielt verbessert werden konnte, so Elmegaard.

 

In Deutschland wäre ein solches Projekt schwierig. Herzinsuffizienzpatient:innen könnten in großem Stil derzeit allenfalls über die Abrechnungsdaten identifiziert werden, die dann mit den Verordnungsdaten abgeglichen werden müssten. Selbst wenn das genehmigt würde und gelänge, gäbe es keinen offiziellen E-Mail-Kanal, der eine kostengünstige Ansprache erlauben würde – sofern nicht eine ePA-App mit Messenger-Funktion genutzt wird, was aber bisher kaum jemand tut.