Digitalpolitisch werden wir im Gesundheitswesen spannende Monate erleben. Wo erwarten Sie sich die wichtigsten Weichenstellungen?
Wir blicken mit viel Interesse auf das kommende halbe Jahr, denn es stehen die ersten wirklichen Digitalpakete der neuen Bundegesundheitsministerin an. Das Digitalgesetz ist besonders spannend. Kernthemen werden die Weiterentwicklung der ePA und die Betriebsstabilität der TI sein. Der EHDS wird uns auch beschäftigen, hier steht die Umsetzung der europäischen EHDS-Verordnung auf nationaler Ebene an. Interoperabilität bleibt ein Dauerbrenner. Und dann gibt es die Einführung des Primärversorgungssystems und den Pharma- und Medizintechnikdialog. Beides sind keine reinen IT-Themen, aber Digitalisierung spielt bei beidem mit hinein.
Bei welchen Themen wird sich der Verband besonders intensiv einbringen?
Wir wollen und werden uns breit einbringen. Bei der Weiterentwicklung der ePA hat auf kurze Sicht der digital gestützte Medikationsprozess (dgMP) eine herausragende Bedeutung. Wir brauchen aber darüber hinaus auch eine Harmonisierung der gematik-Roadmap. Hier gibt es mit Blick auf die ePA, aber auch den EHDS und die aktualisierte Digitalstrategie, aus unserer Sicht einen gewissen Harmonisierungsbedarf. Darauf werden wir auf unterschiedlichen Kanälen hinarbeiten. Wir wollen, wie andere auch, eine rasche Weiterentwicklung der ePA, aber Qualität sollte vor Schnelligkeit gehen. Das hat auch viel mit Planungssicherheit für die IT-Hersteller zu tun. Intensiv einbringen wird sich der bvitg beim Thema TI-Stabilität, das uns nicht nur in den nächsten Monaten beschäftigen wird, sondern längerfristig. Hier geht es zum einen um recht kleinteilige Dinge wie den Umgang mit bestimmten Fehlermeldungen. Vor allem aber sind bessere Austauschformate nötig, in denen u.a. Aktenanbieter, Primärsystemhersteller, zentrale Dienstleister und gematik gemeinsam agieren. Solche Austauschformate gibt es schon, aber die müssen stärker gebündelt und leistungsfähiger werden. Das sollte ähnlich laufen wie bei den Themen ISiK oder Wechselschnittstelle. Da gibt es auch solche Austauschformate.
Stichwort gematik: Die Krankenkassen haben aktuell eine Weiterentwicklung der gematik angemahnt und fordern auch mehr Einfluss auf die gematik. Sieht der bvitg bei der gematik Handlungsbedarf?
Die gematik ist für die Industrie ein wichtiger Kooperationspartner bei der Entwicklung der TI-Spezifikationen. Im Zusammenhang mit dem EHDS wird der Einfluss der gematik noch zunehmen. Es ist richtig, dass dort Verantwortlichkeiten gebündelt werden. Wir begrüßen das, solange die gematik nicht selbst als Marktteilnehmer agiert.
Nina Warken hat in der FAZ kürzlich einen ersten Einblick in ihre Pläne für den Umstieg in Richtung Primärversorgungssystem gegeben. Inwieweit ist das auch ein bvitg-Thema?
Bei der Primärversorgung erwarten wir im Laufe des Jahres den Gesetzentwurf. Aktuell beginnen die politischen Austauschformate. Wir werden uns da einbringen, da es dabei auch um den Aufbau digitaler Plattformen mit möglicherweise KI-gestützter Ersteinschätzung und digitale Terminvergabe gehen wird. Da muss sich auch die IT-Industrie beteiligen, sonst besteht die Gefahr, dass es am Ende nicht jene medienbruchfreien Prozesse gibt, die sich alle wünschen. Als bvitg haben wir beim Thema Primärversorgungssystem jetzt eine eigene Taskforce gegründet. Aktuell sind wir dabei, uns als Verband zu positionieren. Es wird dazu in absehbarer Zeit eine Kommunikation geben.
Sie selbst sind seit mehr als zwei Jahren im bvitg und werden jetzt Geschäftsführer. Wie wollen Sie persönlich Akzente setzen? Wohin wird der bvitg sich in den nächsten Jahren entwickeln?
Ich würde die Gelegenheit zunächst einmal nutzen wollen, mich nachdrücklich bei Melanie Wendling zu bedanken, die den Verband in den letzten Jahren geprägt hat und der ich sowohl fachlich als auch persönlich viel verdanke. Als Verband müssen wir in den nächsten Jahren präsent bleiben und präsenter werden. Auf allen Ebenen muss die Relevanz der Digitalisierung für das Gesundheitswesen deutlich werden. Dazu werden wir zum Beispiel Dialogformate ausbauen. Es ist immer noch nicht überall angekommen, dass Digitalisierung nicht nur wichtig, sondern unverzichtbar ist, um politische Ziele wie einen Bürokratieabbau zu erreichen oder mit Herausforderungen wie dem Personalmangel umzugehen. Hinzu kommt, dass das digitale Gesundheitswesen auch gesamtwirtschaftlich Nutzen stiftet. Es gibt Daten des WifoR-Instituts, wonach die E-Health-Branche eine Bruttowertschöpfung in Höhe von 7,1 Milliarden Euro erwirtschaftet, bei seit 2015 jährlich 6,4 % Wachstum. Das muss sich nicht hinter anderen Branchen verstecken.
Aktuell geht es in großen Schritten in Richtung DMEA 2026. Trauen Sie sich schon einen Ausblick zu? Letztes Jahr hatten wir ja eine DMEA der Rekorde.
Ich denke, wir werden die Zahlen halten können. Es wird wieder zwei große Bühnen geben, dazu, wie gewohnt, diverse Hubs und Boxen, auf denen Themen wie KI, Cloud-Anwendungen, aber auch zum Beispiel IT und Prävention stattfinden. Das Bundesgesundheitsministerium ist auch in diesem Jahr wieder prominent mit von der Partie: Nina Warken wird die Schirmherrschaft haben, und sie wird am Eröffnungstag eine Keynote halten. Daneben erwarten wir auch viele andere politische Akteure, zum Beispiel den Sozialminister von Niedersachsen, Andreas Philippi. Wir werden außerdem wieder über den Tellerrand der Branche hinausblicken. Interessante Impulse erwarte ich mir von Philipp Westermeyer, einen der deutschen Pioniere des Online-Marketings und Gründer von Online Marketing Rockstar. Natürlich wird auch die DMEA sparks wieder eine Neuauflage erleben: Nachwuchsarbeit und Karriereförderung bleiben für uns Topthemen.
Das Interview führte Philipp Grätzel von Grätz, Chefredakteur E-HEALTH-COM
