Das deutsche Gesundheitswesen durchlebt finanziell schwierige Zeiten. Kann ein Primärversorgungssystem wirklich Teil der Lösung sein?
Ja, wenn eine echte Strukturreform umgesetzt wird. Die finanzielle Schieflage entsteht auch, weil das System zu viele Kontakte, Doppelwege und unklare Zuständigkeiten erzeugt. Gerade mit Blick auf die heutige und künftig noch steigende Versorgungslast müssen „die Mengen runter“. Wir müssen mehr Anliegen auf der primären Ebene und am besten außerhalb der Arztpraxen lösen. Klar ist: Ein Primärversorgungssystem muss deutlich mehr leisten als die reine Weiterleitung vom Hausarzt zum Facharzt. Dies gelingt nur durch einen Teamansatz, der weitere Gesundheitsberufe einbindet, und durch digital unterstützte Prozesse.
Die Bürgerinnen und Bürger werden ein Primärversorgungssystem als Rückschritt empfinden. Wie lässt sich das kommunizieren?
Patientinnen und Patienten sollen ihren Facharzt weiterhin frei wählen können, orientiert am konkreten medizinischen Bedarf. Dafür braucht es vor jedem neuen Behandlungsanlass eine standardisierte, symptombezogene Ersteinschätzung, die digital, telefonisch oder in der Praxis erfolgen kann. Sie klärt, ob und wo Behandlung nötig ist, und leitet je nach Bedarf in die passende Versorgungsebene weiter. Dringliche Anliegen werden bei der Terminvergabe priorisiert. Das schafft einen spürbaren Vorteil für die Menschen, erhöht die Nachvollziehbarkeit der Versorgung und stärkt das Vertrauen in das System.
Was sind wichtige Komponenten, die ein Primärversorgungssystem bieten bzw. erfüllen muss, damit es funktioniert?
Wir haben die zentralen Anforderungen im BMC-Positionspapier „Fünf Bausteine für die Primärversorgungsreform“ herausgearbeitet. Dazu gehören eine standardisierte digitale Erst- und Dringlichkeitseinschätzung sowie Primärversorgungseinheiten, die interprofessionell arbeiten und Koordination im Team organisieren. Ebenso wichtig sind eine verlässliche, digital vernetzte Terminvermittlung mit Dringlichkeitslogik und ein digitales Update mit interoperablen Systemen und einer nutzbaren elektronischen Patientenakte, damit Informationen entlang der Versorgungspfade verfügbar sind. Ergänzt wird das durch eine umfassende Primärversorgung, die Programme zur Prävention, Früherkennung und Chroniker-Betreuung verbindlich integriert.
Das Interview führte Philipp Grätzel von Grätz, Chefredakteur E-HEALTH-COM
