TeleKasper ist ein Projekt der Universitätskliniken Halle, Essen, München und Homburg/Saar. Das Kürzel steht für „Telemedizinisches Kompetenznetzwerk Antibiotic Stewardship in Pediatrics“. Die vier Universitätskliniken haben gemeinsam ein telemedizinisches Kompetenznetzwerk aufgebaut, das kleinere Krankenhäuser mit pädiatrischen Kliniken bei der Auswahl der richtigen Antibiotika-Therapie für Patient:innen mit komplexen Infektionen unterstützt. Das Angebot wurde zwischen Oktober 2020 und September 2024 im Rahmen einer klinischen Studie im Innovationsfonds erprobt und verfügbar gemacht.
Telekonsultationen und „personalisierte“ Nachschlage-App
Hintergrund von TeleKasper war nicht zuletzt die Zunahme von Infektionen mit multiresistenten Erregern. Die hat mehrere Gründe, einer davon ist ein zu unkritischer Einsatz von Breitspektrum-Antibiotika im Krankenhaus. Hier setzen Antibiotic Stewardship (ABS) Programme an, die allerdings in der Pädiatrie noch nicht sehr weit verbreitet sind: „Infektiologische Expertise ist in der Pädiatrie deutlich weniger flächendeckend verfügbar als in der Erwachsenenmedizin. Auch ABS Kurse sind deutlich weniger verbreitet“, so Prof. Christian Dohna-Schwake, Leitender Oberarzt Pädiatrische Intensivmedizin an der Klinik für Kinderheilkunde am Universitätsklinikum Essen, im Gespräch mit E-HEALTH-COM.
In der Innovationsfonds-Studie standen die vier universitären Zentren für insgesamt 33 periphere Kinderkliniken als Ansprechpartner zur Verfügung. Es gab zum einen die Option für „echte“ Telekonsultationen, die von den peripheren Häusern im Bedarfsfall angefordert werden konnten. Zum anderen wurde die eigens entwickelte TeleKasper-App aber auch als ein klinikspezifisches Nachschlagewerk konzipiert, in das die jeweiligen SOPs und Medikationskataloge sowie Resistenzdaten der peripheren Häuser Eingang hielten: „Wir haben uns mit jeder Klinik zusammengesetzt und die jeweiligen Standards bei der Antibiotikatherapie anhand typischer Szenarien durchgesprochen. Das wurde dann mit den Leitlinien abgeglichen, und die App wurde entsprechend auf die jeweilige Klinik personalisiert“, so Dohna-Schwake.
Weniger Antibiotika, höhere Versorgungsqualität
Die Innovationsfonds-Studie war als randomisierte Studie im Stepped-Wedge Design konzipiert. Die Kliniken wurden in unterschiedlichen Abständen an das TeleKasper-Netz angeschlossen, und es wurden jeweils die Antibiotika-Verordnungen im Verlauf analysiert. Im Ergebnis konnte das TeleKasper-Team zeigen, dass die Menge an verordneten Antibiotika durch die TeleKasper-Anbindung um 7 % reduziert werden konnte.
„Wir hatten uns selbst eine Schwelle von 20 % gesetzt, insofern haben wir nicht das Ergebnis erreicht, das wir haben wollten. Aber wir betrachten es dennoch als Erfolg“, betonte Dohna-Schwake. Dies nicht zuletzt deswegen, weil einige weitere Parameter klar einen Versorgungsnutzen belegten. So wurden in den TeleKasper-Kliniken weniger Breitspektrumantibiotika eingesetzt, insbesondere Cephalosporine, dafür häufiger die hinsichtlich Resistenzentwicklung günstigeren Penicilline. In Punktprävalenzerhebungen einmal pro Quartal wurden zudem Indikation und Dosierung aller Antibiotikagaben ausgewertet. Der Anteil der „optimalen“ Verordnungen, definiert als korrektes Antibiotikum in korrekter Dosis bei korrekter Indikation, nahm nach Anbindung an das TeleKasper-Netzwerk auf breiter Front zu.
Und noch etwas konnte die TeleKasper-Studie zeigen: Die Zufriedenheit bei den kooperierenden Einrichtungen sei sehr hoch gewesen, wie Dohna-Schwake betont: „Ich glaube, dass wir dadurch enger zusammengewachsen sind, mit einer sehr niedrigschwelligen, sehr kollegialen Kommunikation auf Augenhöhe. Das tut der Versorgung insgesamt gut, davon bin ich überzeugt.“
IA empfiehlt Regelversorgung – Minister sollen handeln
Jetzt, zwei Jahre nach Studienende, hat der IA empfohlen, die TeleKasper-Vernetzung bundesweit für die Versorgung verfügbar zu machen. Zuständig ist jetzt die Gesundheitsministerkonferenz der Bundesländer, die sich damit befassen muss, wie die Überführung in die Regelversorgung gelingt. Konkrete Vorgaben dafür gibt es genauso wenig wie eine konkrete Zeitschiene. Bekannt ist: Die Mühlen des Innovationsfonds und der zuständigen Behörden mahlen in Sachen Überführung in die Regelversorgung sehr, sehr langsam. Das musste unter anderem die Herzinsuffizienz-Telemedizin lernen.
„Was wir uns wünschen, ist eine bundesweite Abdeckung, und wir glauben auch, dass das mit den Kapazitäten in Deutschland möglich ist“, so Dohna-Schwake zu E-HEALTH-COM. Je nach Bundesland seien ein bis drei Expertenzentren denkbar, die dann idealerweise nicht nur pädiatrischen Kliniken, sondern bei Bedarf auch niedergelassenen Pädiater:innen zur Seite stehen sollten.
Was die Finanzierung angeht, sind die TeleKasper-Initiator:innen nicht festgelegt. Dohna-Schwake, der auch einen gewissen Einblick in die im Aufbau befindlichen Tele-ICU-Strukturen in Nordrhein-Westfalen hat, kanns sich ähnliche selektivvertragliche Zentrenregelungen vorstellen. In solchen Szenarien würde die Tele-Expertise dann über Vorhaltekosten abgegolten. Allerdings: Auch in Sachen Tele-ICU ist bisher noch völlig unklar, welche Art Telemedizin angeboten und wie sie vergütet wird. Es kann also auch dann noch ein bisschen dauern, wenn die Gesundheitsminister den Daumen nach oben gehen lassen.
Weitere Informationen:
Homepage des TeleKasper Projekts www.tele-kasper.de
