Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren zu einem bedeutenden Standort für Neurotechnologien entwickelt. Die Deutsche Gesellschaft für Biomedizinische Technik im VDE (VDE DGBMT) gibt in einem aktuellen Positionspapier zehn Impulse, wie diese Position gesichert und ausgebaut werden kann. Denn der globale Markt für Neurotechnologien wächst dynamisch und könnte von rund 15 Milliarden Euro im Jahr 2024 auf etwa 45 Milliarden Euro im Jahr 2034 ansteigen.
Neurotechnologien gehören zudem schon heute zum medizinischen Alltag. Cochlea-Implantate zeigen, wie ausgefallene Sinnesfunktionen durch Neurotechnologien teilweise wiederhergestellt werden können. Auch die Weiterentwicklung der Tiefenhirnstimulation bei Parkinson verspricht künftig präzisere und wirksamere Therapien. Neurotechnologien helfen auch bei Epilepsie, chronischen Schmerzen und Bluthochdruck – etwa 10 Prozent der Patientinnen und Patienten haben eine resistente Hypertonie und reagieren nicht mehr auf blutdrucksenkende Medikamente.
Neurotechnologien als strategisches Entwicklungsfeld
Perspektivisch können sie aber noch mehr leisten: „Neurotechnologische Verfahren könnten dabei helfen, krankhafte Signale gezielt zu erkennen und durch elektrische Stimulation zu beeinflussen“, erklärt Prof. Dr. Thomas Stieglitz, Professor für Biomedizinische Mikrotechnik an der Universität Freiburg und Mitautor des Papiers. „Besonders hervorzuheben sind hier Anwendungen am Vagusnerv, die perspektivisch auch bei Erkrankungen wie Adipositas, COPD, rheumatoider Arthritis oder Morbus Crohn relevant werden können.“
Allerdings gibt es hierzulande bislang nur in begrenztem Umfang große Technologieunternehmen, die Neurotechnologien als strategisches Entwicklungsfeld mit erheblichem Ressourceneinsatz verfolgen. Stattdessen wird die Innovationskraft vor allem durch die enge Zusammenarbeit von Forschungseinrichtungen, Start-ups und etablierten Unternehmen getragen. Dieses Modell bietet aus Sicht der VDE DGBMT große Chancen, erfordert jedoch eine gezielte Koordination und Unterstützung.
Denn obwohl Deutschland über eine starke Forschungslandschaft verfügt, gelingt der Transfer in marktfähige Produkte nach Einschätzung der Autorinnen und Autoren oft zu langsam. Zu den wesentlichen Einflussfaktoren zählen sie unter anderem den Umgang mit regulatorischen Anforderungen und Herausforderungen bei der klinischen Erprobung. Aber auch die Rahmenbedingungen der Erstattung im Gesundheitswesen, eine unzureichende Verzahnung der einzelnen Stufen der Innovationskette sowie die zunehmend strategische Industrie- und Innovationspolitik internationaler Wettbewerber, insbesondere Chinas, hemmen die Entwicklung.
Hier setzt das Positionspapier der VDE DGBMT an. Es richtet sich vorrangig an die Politik und macht Vorschläge, wie Entwicklung und Zulassung in der Neurotechnologie schneller werden, ohne dass an Sicherheit und Nachweis etwas verloren geht.
Konkret sind die 10 Impulse:
1. Vision: Eine gemeinsame Vision entwickeln und mit Roadmaps untermauern
2. Ökosystem: Ökosystem und Infrastruktur ausbauen
3. Öffentliche Förderung: Forschungs- und Innovationsförderung effizient gestalten
4. Köpfe: Die besten Köpfe zusammenbringen
5. Produktfinanzierung: Finanzierung der Produktentwicklung ermöglichen
6. Medizinprodukteverordnung (MDR): Regulatorisches Umfeld der MDR verbessern
7. AI Act und Data Act: AI Act und Data Act mit klaren Anwendungshinweisen hinterlegen
8. Ethik: Ethische Fragen frühzeitig berücksichtigen
9. Fehlerkultur: Aktive Fehlerkultur etablieren
10. Europäischer Markt: Einheitlichen europäischen Markt schaffen
Mehrere ihrer Impulse beziehen sich dabei auf die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Player. So soll am Anfang eine gemeinsame Vision stehen, die besten Köpfe sollen zusammengebracht werden und Ökosystem sowie Forschungsinfrastruktur ausgebaut werden. „Wenn es gelingt, alle Interessengruppen rasch und gezielt in nationalen Projekten zusammenzuführen, dann bietet die Neurotechnologie ein fantastisches Entwicklungspotenzial“, sagt Prof. Dr. Steffen Rosahl, Chefarzt der Klinik für Neurochirurgie und Leiter des Neurofibromatosezentrums beim Helios Klinikum Erfurt und ebenfalls Mitautor des Positionspapiers. „Sie kann zu einer Kerntechnologie für die wirtschaftliche Wiederbelebung werden.“
Die Impulse der Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Fachrichtungen sind unterfüttert mit konkreten Handlungsempfehlungen. So schlagen sie unter dem Stichpunkt einer gemeinsamen Vision vor, eine ebensolche für Hightech-Medizintechnik zu entwickeln, die von Wissenschaft, Wirtschaft, Politik (bis in die Leitungsebene) und der Gesellschaft getragen wird. Dabei soll eine menschenzentrierte Neurotechnologie als europäisches Profil gestärkt werden, die den Schutz von Autonomie, mentaler Privatsphäre und mentaler Integrität mit der aktiven Förderung von Gesundheit, Kommunikation und gesellschaftlicher Teilhabe verbindet. Zudem schlagen sie eine von Experten entwickelte Innovations-Pipeline für Neurotechnologien vor, die als Roadmap mit messbaren Zielen und Meilensteinen fungiert. Dafür brauche es allerdings entsprechende Förderprogramme des Bundesforschungs- beziehungsweise Bundeswirtschaftsministeriums sowie eine probeweise Erstattungszusage durch das Bundesgesundheitsministerium.
Das Positionspapier steht hier zum Download zur Verfügung.
Quelle: VDE DGBMT
