E-HEALTH-COM ist das unabhängige Fachmagazin für Gesundheitstelematik, vernetzte Medizintechnik , Telemedizin und Health-IT für Deutschland, Österreich und die Schweiz.
Mehr

Für das ePaper anmelden

Geben Sie Ihren Benutzernamen und Ihr Passwort ein, um sich an der Website anzumelden

Anmelden

Passwort vergessen?

Medizin |

Vorhofflimmern: Decision Support könnte Schlaganfälle verhindern

Alle reden von KI. Dabei lässt sich auch mit simplen Tools viel Nutzen stiften. In Boston hat ein digitales Alert-System nicht nur die Leitlinientreue verbessert. Es gibt sogar Hinweise auf weniger klinische Ereignisse.

Quelle: © Marina Giniatulina - stock.adobe.com

Patienten mit Vorhofflimmern und einem gewissen Zusatzrisiko profitieren von einer oralen Antikoagulation, der so genannten Blutverdünnung. Aber längst nicht bei allen in Frage kommenden Patienten wird dieser Therapie genutzt. Die Quoten sind etwas gestiegen, seit es die einfacher einzunehmenden, neuen Antikoagulanzien gibt. Aber zufriedenstellend ist die Leitlinientreue in diesem Bereich immer noch nicht. Am Brigham and Women’s Hospital in Boston haben Ärzte jetzt untersucht, ob sich die Rate der Patienten mit Antikoagulation erhöhen lässt, wenn in einem Krankenhaus-Setting ein digitales Alert-System implementiert wird.

 

Mehr als nur Vorher-Nachher-In-house-Daten

Dergleichen Studien gab es schon viele, doch die Bostoner Studie sticht in einigen Punkten hervor. Zum einen handelt es sich nicht um eine Vorher-Nachher-Studie, sondern um eine randomisierte Studie mit immerhin 458 Patienten. Zum anderen haben sie Wissenschaftler die Therapie zu unterschiedlichen Zeitpunkten evaluiert, auch drei Monate nach Entlassung. Die Ergebnisse werden damit wesentlich aussagekräftiger als bei anderen derartigen Studien. Und zum dritten gibt es auch – explorative – Daten zu klinischen Endpunkten, ein kardiovaskuläres Komposit aus Schlaganfall, Herzinfarkt, Tod jeglicher Ursache und systemischer Embolie.

 

Randomisiert wurden stationäre Patienten mit Vorhofflimmern und CHA2DS2-VASc-Score von 1 oder darüber. Das ist die klassische Zielgruppe für die orale Antikoagulation. Die Randomisierung erfolgte durch den aufnehmenden Arzt. Im Anschluss wurden dann die stationären Krankenunterlagen und die Langzeitverläufe ausgewertet. Die Ergebnisse sind recht eindrucksvoll. Was den Beginn einer oralen Antikoagulation angeht, lag die Quote während des stationären Aufenthalts bei 25,8 Prozent, gegenüber 9,5 Prozent in der Kontrollgruppe. Bei Entlassung waren es 23,8 Prozent gegenüber 12,9 Prozent.

 

Alert-System wirkt in die Langzeitversorgung hinein

Interessanter ist die Situation 90 Tage nach Entlassung. Denn grundsätzlich kann man sich natürlich als Krankenhaus auf den Standpunkt stellen, dass der Beginn einer oralen Antikoagulation Aufgabe der ambulanten Versorgung ist. Doch auch 90 Tage nach Entlassung gab es einen signifikanten Unterschied: 27,7 Prozent der Patienten in der Interventionsgruppe waren antikoaguliert, gegenüber 17,1 Prozent in der Kontrollgruppe.

 

Mit anderen Worten: Das stationäre Alert-System wirkt in die Langzeitversorgung hinein. Erst damit hat es das Potenzial, klinische Ereignisse zu verhindern. Und dafür gibt es – bei einer Studiengröße, die allerdings noch keine definitiven Aussagen erlaubt – zumindest Hinweise. Die Unterschiede bei der Verschreibungshäufigkeit der oralen Antikoagulation gingen einher mit signifikant geringeren Raten an klinischen Ereignissen. Nach 90 Tagen hatten 11,3 Prozent der Patienten in der Interventionsgruppe, aber 21 Prozent in der Kontrollgruppe ein Ereignis gemäß dem klinischen Komposit-Endpunkt. (p=0,002) Getrieben wurde der Unterschied dabei von Herzinfarkten (1,2 Prozent vs. 8,6 Prozent) sowie Schlaganfällen/Embolien (null Prozent vs. 2,4 Prozent).

Mehr Informationen: Eur Heart J 2019; 22. Juni 2019; doi: 10.1093/eurheartj/ehz385