Bisher werden viele Informationen nur innerhalb eines Versorgungssystems, etwa im Krankenhaus oder einer Arztpraxis, genutzt. Dabei bieten Gesundheitsdaten, die zuverlässig zwischen den Sektoren ausgetauscht werden können, große Chancen für eine bessere Behandlungsqualität und die Weiterentwicklung hin zu einem effizienten, zukunftsfähigen Gesundheitssystem – insbesondere im Kontext der flächendeckenden Einführung der elektronischen Patientenakte (ePA).
„Ziel des geförderten Projekts ist daher die Entwicklung eines intersektoralen Datenmodells, das Gesundheitsdaten standardisiert, interoperabel und langfristig für die Versorgung und Forschung, Public Health sowie weitere medizinische Sekundärnutzungen nutzbar macht und zu untersuchen, wie aktuell vorhandene Standards (z.B. ISIK) weiterentwickelt und in bestehende sowie zukünftige Systeme integriert werden können,“ führt Thomas Süptitz aus dem Bundesministerium für Gesundheit aus. Anders als bisherige Ansätze, die sich auf einzelne Anwendungsfälle konzentrieren, sollen hier die Anforderungen von sektorenübergreifenden Fallverläufen/Versorgungspfaden stärker in den Mittelpunkt gestellt und ein ganzheitliches Bild erfasst werden.
Das Projekt ist ein Teil von EU-HIP (EU interoperability with HERA’s IT platform), das durch die Europäische Union kofinanziert ist.
MIOs weiterdenken für mehr medizinischen Nutzen
„Die aktuelle ePA ermöglicht in einem ersten Schritt eine sichere Dateiablage, in der vor allem PDFs gespeichert werden, etwa Entlassbriefe. Dies ist ein großer Vorteil gegenüber der Papierdokumentation, aber: PDFs sind unstrukturierte Daten, eine robuste automatisierte Weiterverarbeitung ist damit nur eingeschränkt möglich,“ erklärt Dr. Moritz Augustin, Geschäftsführer Tiplu GmbH. Mit Hilfe von „Medizinischen Informationsobjekten“ (MIOs), also Datensammlungen für verschiedene Anwendungsfälle (z. B. Krankenhaus-Entlassbrief oder Laborbefund) wird konkret definiert, welche strukturierten Informationen in die ePA gehören.
„Die Bemühungen rund um MIOs und FHIR-Services sollten daher weiter vorangetrieben werden“, so Augustin. „Unsere Vision ist, dass Behandlungsdaten künftig sektorenunabhängig als FHIR-Daten erhoben und interoperabel verfügbar gemacht werden. So sollen sie von jedem Versorger genutzt und strukturiert in der ePA gespeichert werden können, ohne zusätzliche Transformation. Das macht die sinnvolle Nutzung der Daten überhaupt erst möglich.“
Zum Beispiel könnten durch den digitalen Zugriff auf vollständige Patientenakten medizinische Fehler und Doppeluntersuchungen reduziert werden. KI-gestützte Tools könnten alle Vorbefunde abgleichen und dabei unterstützen, dass bestimmte medizinische Konstellationen nicht übersehen werden. Auch die einfache technische Umsetzung von Kurzakten, wie im EHDS angedacht, wäre hiermit möglich.
Realitätscheck am Beispiel echter Versorgungssituationen
Im Rahmen des Forschungsprojektes möchte Tiplu zeigen, wie ein intersektorales, klinisch nutzbares Datenmodell in der Praxis aussehen könnte und wie Gesundheitsdaten künftig direkt strukturiert erhoben werden können, um sie ohne Medienbrüche in die ePA zu integrieren. Auch soll analysiert werden, wie Versorgungspfade durch den stationären sowie den ambulanten Sektor und in verschiedenen Fachrichtungen strukturiert abgebildet werden können.
Konkret wird zunächst ein intersektorales Datenmodell entwickelt, mit dem auf Basis von Tiplus FHIR-CDR TipluDB an einem Universitätsklinikum mehrere anonymisierte Patientenakten extrahiert und weiterverwendbar aufbereitet werden.
Auf Basis dieser Datensätze werden mehrere Nutzungsszenarien untersucht. Neben der reinen Darstellung der intersektoralen Patientenakte über einen Viewer, wurden weitere konkrete Use Cases mit externen Partnern geprüft und vorgestellt:
- Einbettung strukturierter Daten in ein Patientenportal (emento)
- Erstellung eines KI-basierten Entlassbriefes (myScribe)
- Therapieempfehlungen auf Basis kuratierter Studien und Leitlinien (Synagen)
Perspektive: Ein skalierbares Bundesdatenmodell
Auf Basis der Projektergebnisse sollen Vorschläge erarbeitet werden, wie ein einheitlicher Datenkern für das deutsche Gesundheitswesen aussehen kann und Hindernisse wie fehlende Schnittstellen oder Silo-Strukturen überwunden werden können.
Damit möchte Tiplu einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, die ePA in Richtung einer praxisorientierten FHIR-Patientenakte weiterzuentwickeln.
Über die Tiplu GmbH
Tiplu entwickelt seit 2016 Softwarelösungen für Krankenhäuser und setzte hier frühzeitig auf KI als Schlüsseltechnologie. Vom Spezialisten für Erlössicherung mit der Kodiersoftware MOMO hat sich das Unternehmen zum vielseitigen Experten für Interoperabilität, intelligente Datenverarbeitung und Machine Learning entwickelt. MOMO ist als technischer Marktführer bei mehr als 350 deutschen Krankenhäusern im Einsatz. Weitere Schwerpunkte liegen auf dem Ausbau des Tiplu-eigenen Machine Learning-Netzes, der Strukturierung und Bereitstellung klinischer Daten durch das FHIR-CDR TipluDB sowie der Entwicklung KI-basierter medizinischer Software, wie der CDSS MAIA. Tiplu arbeitet eng mit akademischen und industriellen Partnern zusammen, um innovative Technologien für die Gesundheitsversorgung zu erforschen und intelligente Entscheidungen für eine bessere Gesundheit zu ermöglichen.
