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Abschied vom Vorgestern

Digital und nah – die niedergelassenen Ärzt:innen und Psychotherapeut:innen sagen, was geht.

Das Klischee des digitalisierungsunwilligen, innovationsscheuen „Dr. von Vorgestern“, der in seiner Praxis sitzt und meckert, hält sich hartnäckig – ist es doch immer wieder willkommen, um zu erklären, warum es mal wieder nicht so richtig klappt mit der Digitalisierung im Gesundheitswesen. „Die können es nicht!“, „Die wollen es nicht!“ oder gleich beides. Kein Wunder, dass es nicht vorangeht.


Aber, die Realität sieht ganz anders aus: Niedergelassene Ärzt:innen und Psychotherapeut:innen arbeiten längst digital – trotz instabiler TI, veralteter Systeme, mitunter schlechtem Service, Hürden beim Wechsel des PVS und TI-Anwendungen, die sich eher nach mehr Bürokratie anfühlen als nach der Befreiung von derselben. Sie tun es aus Überzeugung, aus Pragmatismus und weil es – nach einem etwas ruckelnden Start – inzwischen dann doch irgendwann klappt und sich als hilfreich erweist. 


Das beste Beispiel ist das E-Rezept. Seit Anfang 2024 haben rund 99 000 Praxen in Deutschland mehr als 750 Millionen E-Rezepte ausgestellt. Auch die eAU ist längst Standard auf Basis von KIM, einer Anwendung der TI, die noch stark optimierungsfähig ist und dennoch weiter Einzug hält in den Praxen. Nur die Krankenhäuser tun sich mit KIM nach wie vor erkennbar schwer – trotz eines 4,3 Milliarden schweren Förderprogramms namens Krankenhauszukunftsgesetz (KHZG).   


Mit dem Papier „Digital und nah“, verabschiedet durch die Vertreterversammlung der KBV Ende Mai, beziehen jetzt die Vertragsärzt:innen und Vertragspsychotherapeut:innen Position. Sie formulieren Anforderungen und einen Anspruch – den Anspruch, gemeinsam die Digitalisierung in der ambulanten Versorgung weiter voranzubringen und aktiv mitzugestalten. Denn die Ausgangslage ist klar: Der wachsende Versorgungsbedarf durch demografischen Wandel, Multimorbidität, komplexere Behandlungen und bedürfnisorientierte Inanspruchnahme trifft auf immer knapper werdende Arztzeit und Fachkräftemangel – digitale Unterstützung ist unerlässlich zur Bewältigung der Herausforderungen und besseren Steuerung von Patient:innen in die richtige Versorgungsebene.


In sieben Themenfeldern werden teilweise sehr konkrete Anforderungen formuliert, teilweise aber auch noch eher Visionen, wo es denn hingehen soll mit der Digitalisierung im ambulanten Bereich: 

  • Digitale Verordnungen & Arzneimitteltherapie, 
  • Videosprechstunde, Telekonsil & Telemonitoring, 
  • Elektronische Patientenakte, 
  • Patientensteuerung & Digitalisierung,
  • PVS & IT in den Praxen, 
  • Digitale Kommunikation
  • Künstliche Intelligenz

 

Das Papier ist ein Blick nach vorne. Im Mittelpunkt steht die digitale und die digital vernetzte Praxis. Meckern sieht anders aus. Denn es ist ein Angebot zum Dialog über notwendige Rahmenbedingungen und Kernforderungen der Ärzte- und Psychotherapeutenschaft, die sich aktiv in die weitere Gestaltung der Digitalisierung einbringen will: 

  1. ärztliche und psychotherapeutische Expertise muss bei der Entwicklung, Testung und Einführung digitaler Lösungen frühzeitig einbezogen werden;
  2. eine stabile Telematikinfrastruktur und Nutzerzentrierung sind nötig, um praxistaugliche Anwendungen und verlässliche IT zu gewährleisten;
  3. Anreize statt Sanktionen, um eine 
  4. schnellstmögliche Digitalisierung in allen Bereichen von Gesundheit und Pflege und eine bessere sektorenübergreifende Vernetzung zu ermöglichen und hybride Lösungen zu beenden;
  5. last but not least, benötigt der ambulante Bereich ein Praxiszukunftsgesetz vergleichbar dem steuerfinanzierten KHZG zur Förderung der Investition in moderne IT und, wo notwendig, auch den Wechsel zu einem innovativen PVS.

 

Wer noch einen weiteren Nachweis dafür benötigt, dass die Ärzte- und Psychotherapeutenschaft konstruktiv nach vorne schaut, verfolge die aktuelle innerärztliche Debatte über den Einsatz von KI in der Medizin, zuletzt beim Deutschen Ärztetag in Leipzig. Das Bild des Dr. von Vorgestern ist längst selbst von vorgestern. Es hat ausgedient. Let´s say goodbye. Heute stehen die Praxen für eine digital unterstützte, ambulante Gesundheitsversorgung, die für die Menschen auch in Zukunft nah und erreichbar bleibt – selbstverständlich auch digital. 

Mehr unter kbv.de/digitalisierung


Autor:

Dr. med. Philipp Stachwitz 

Facharzt Anästhesiologie, Spezielle Schmerztherapie

Leiter Stabsbereich Digitalisierung, Kassenärztliche Bundesvereinigung