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Community Health Nursing: Deutschland muss endlich handeln

Deutschland steht im Gesundheitswesen vor massiven Herausforderungen: der Ärztemangel, besonders in ländlichen Regionen, die steigende Zahl chronisch Erkrankter, eine alternde Bevölkerung und ein überlastetes System, das mehr auf „Reparatur“ als auf Prävention setzt. Ein Teil der Lösung liegt seit Jahren auf dem Tisch, wird jedoch kaum genutzt: Community Health Nursing (CHN).

Prof. Dr. Claudia Kemper ist Dekanin des Fachbereichs Pflege, Soziales & Therapie der APOLLON Hochschule der Gesundheitswirtschaft, Bremen, Foto: APOLLON Hochschule der Gesundheitswirtschaft

Community Health Nurses sind akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen, die präventiv, beratend und versorgend in Gemeinden arbeiten. Ihr Ziel ist es, die Gesundheit der Bevölkerung zu erhalten, zu fördern und vor allem dort, wo Versorgungslücken bestehen, direkte Ansprechpartner zu sein. Sie beraten, erkennen frühzeitig Risiken, koordinieren Leistungen und übernehmen fallbezogenes Case Management. Ihr Arbeitsplatz ist nicht nur das Krankenhaus, sondern die Lebenswelt der Menschen: Hausbesuche, Gesundheitszentren, Schulen oder kommunale Präventionsprogramme. Damit stärken sie die Primärversorgung direkt vor Ort.

 

Das Potenzial ist enorm, denn CHNs verhindern vermeidbare Krankenhausaufenthalte, unterstützen chronisch Kranke im Alltag, verbessern die Gesundheitskompetenz und sorgen für niedrigschwelligen Zugang zu Hilfe gerade für besonders vulnerable Gruppen. Sie entlasten Ärztinnen und Ärzte, indem sie Aufgaben übernehmen, die nicht zwingend ärztliche Kompetenz erfordern, und arbeiten als Bindeglied in multiprofessionellen Teams. In Zeiten akuten Ärztemangels, besonders im ländlichen Raum, sind sie in vielfältiger Weise ein entscheidender Faktor, denn CHNs besuchen immobile Patient:innen, übernehmen Medikamentenmanagement, leisten Gesundheitsberatung und Prävention. Sie sichern also Versorgung, wo sonst niemand mehr hinkommt.


Während in vielen Ländern Community Health Nursing längst etabliert ist, steckt Deutschland noch immer in den Startlöchern. Rechtliche Grundlagen fehlen, Zuständigkeiten sind unklar, Modellprojekte laufen, doch der Schritt in die Regelversorgung bleibt aus. Damit verschenken wir nicht nur die Chance auf Entlastung, sondern auch auf eine patientenzentrierte, zukunftsfähige Gesundheitsversorgung, die Versorgungsverantwortung auf mehr Schultern verteilt.


Was es jetzt braucht:

  • Rechtliche Verankerung: CHNs brauchen ein klar definiertes Berufsbild mit festgeschriebenen Aufgaben, Kompetenzen und heilkundlichen Befugnissen im abgesteckten Rahmen.

  • Ausbau der Studiengänge: Akademische Ausbildung muss langfristig gesichert sein – praxisnah und besten-falls einheitlich.

  • Gesicherte Finanzierung: CHN-Leistungen gehören in die Regelversorgung und müssen von Krankenkassen vergütet werden. Modellprojekte dürfen nicht im Pilot-status verharren.

  • Integration ins System: CHNs müssen in Primärversorgungszentren, Gemeindezentren und multiprofessio-nellen Teams mitarbeiten, unterstützt durch digitale Lösungen und Telemedizin.

  • Mehr Sichtbarkeit: Öffentlichkeitsarbeit und Forschung sind entscheidend, um Akzeptanz und Vertrauen zu schaffen – bei der Bevölkerung ebenso wie bei anderen Professionen.


Deutschland hat weder Zeit noch Ressourcen, weiter zu zögern. Die Grundlagen sind da, das Potenzial ist belegt, und die Notwendigkeit ist dringlicher denn je. Community Health Nursing ist kein Experiment, sondern ein erprobtes Konzept, das international funktioniert. Jetzt muss es auch hierzulande konsequent umgesetzt werden – als fester Bestandteil einer modernen, wohnortnahen und patientenzentrierten Gesundheitsversorgung.

 

Prof. Dr. Claudia Kemper

ist Dekanin des Fachbereichs Pflege, Soziales & Therapie APOLLON Hochschule der Gesundheitswirtschaft, Bremen

Kontakt: claudia.kemper(at)apollon-hochschule.de