Deutschland leistet sich, trotz Digitalstrategie, digitale Parallelwelten. Rund 95 gesetzliche Krankenkassen betreiben teure eigene Versicherten-Apps, obwohl die Kernfunktionen praktisch identisch sind: Authentifizierung, Dokumenten-Upload, Zugriff auf die elektronische Patientenakte (ePA), dazu punktuell medizinische Anwendungen wie Telemedizin, Decision Support, Impfpässe oder Hautkrebs-Checks. Dieses Fragmentierungsmodell ist strukturell ineffizient – und es bremst die ePA-Nutzung, weil Nutzerführung, Prozesse und Schnittstellen je nach Kasse variieren.
Besonders sichtbar wird das beim digitalen Impfnachweis: Wenn 95 Krankenkassen und zugleich ca. 200 Praxis- und Krankenhaussysteme (PVS/KIS) jeweils eigene Umsetzungen und Datenformate pflegen, entsteht zwangsläufig ein Interoperabilitätsbruch. Ergebnis: redundante Entwicklung, redundante Wartung, fehlende Skaleneffekte – und am Ende höhere Beitragssätze statt besserer Versorgung.
Die neue Digitalisierungsstrategie des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) setzt genau hier an: Sie betont als Grundvoraussetzung stabile, sichere Infrastruktur und fordert die Harmonisierung der Daten auf Basis internationaler IT-Standards (FHIR, SNOMED und Co) sowie eine Interoperabilitäts-Roadmap mit verbindlicheren Vorgaben, um digitale Mehrwerte schneller in die Versorgung zu bringen. Im EHDS wird explizit das Ziel genannt, Doppelstrukturen zu vermeiden und europäische sowie nationale Ansätze optimal zu verzahnen – kompatibel zum EHDS.
Was heißt das für die Krankenkassen und ihre Apps?
- „Build once, use many“: Gemeinsame Basiskomponenten als wiederverwendbare Module nutzen, und zwar konkret Open-Source-Bausteine unter der Governance der gematik ähnlich USCDI und HL7 Europa. Wettbewerb gehört beschränkt auf Service-Qualität und Zusatznutzen, er sollte nicht auf Ebene der Grundfunktionalität ausgetragen werden.
- „FHIR first“: Es braucht eine Semantikstrategie mit Vorgaben des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Das Ziel sind einheitliche, FHIR-basierte Datenmodelle für Use Cases wie z. B. Impfnachweis, Onko-Datensatz und Arztbrief – inklusive Einsatz etablierter Terminologien und klarer Profilierung mit Abstimmung über HL7. Dann erst arbeiten PVS/KIS, Apps, Krankenkassen und ePA mit derselben semantischen Architektur.
- Evidenz & Qualität: Für digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) ist ein Nachweis positiver Versorgungseffekte vorgesehen. Viele kassenindividuelle Service-Apps fallen jedoch außerhalb dieses Evidenz-Regimes – obwohl sie Versorgungsprozesse prägen. Hier braucht es mindestens verbindliche Mindestanforderungen an Nutzbarkeit, Interoperabilität, Informationssicherheit und – wo medizinische Entscheidungen beeinflusst werden – Evaluation ähnlich DiGA-Verordnung. Zudem sind Kosten-Nutzen-Bewertungen vorzulegen.
Der ökonomische Nutzen dieser einfachen Maßnahmen wäre immens: Schon die gemeinsame Entwicklung interoperabler Impfpass-Funktionalitäten verspricht Einsparungen im hohen dreistelligen Millionenbereich. Zusätzlich zeigen internationale Analysen, dass interoperables Teilen von Daten Effizienzgewinne in der Größenordnung von mehreren Prozentpunkten der Gesundheitsausgaben im jeweiligen Anwendungsbereich ermöglichen kann. Laut einer OECD-Studie sind 2-6 % der Gesundheitsausgaben mit Interoperabilität einzusparen.
Interoperabilität ist damit kein „Nice to have“, sondern gelebte Beitragssatzstabilisierung, gelebte Patientensouveränität und gelebte EHDS-Fähigkeit in einem. Wer weiterhin Insellösungen zulässt, zementiert Doppelstrukturen, erhöht laufende Kosten und verhindert Skalierung. Notwendig sind verbindliche Interoperabilitätsvorgaben, die Innovation fördern, und kein Krankenkassen-App-Flickenteppich. Wir brauchen endlich eine nationale, modulare Plattformlogik mit wiederverwendbaren Kernkomponenten – auch für Krankenkassen, nicht nur für die Primärsysteme der Leistungserbringer:innen.
Autorin:
Prof. Dr. Sylvia Thun
ist Director Digital Medicine and Interoperability am Berlin Institute of Health der Charité Berlin. Sie ist außerdem Vorsitzende des Interop Councils der gematik und engagiert sich seit vielen Jahren im Bereich Standardisierung, aktuell u.a. als stellvertr. Vorsitzende des Vorstands von HL7 Deutschland.
