Arzneimittel sind in der modernen Medizin eine wirksame Therapieoption des Arztes und werden durch die demografische Alterung in zunehmendem Umfang eingesetzt. Jede fachkundige Person weiß, dass der Gebrauch von Arzneimitteln immer ein Risiko beinhaltet. So zeigten Untersuchungen, dass unerwünschte Ereignisse erschreckend häufig auftreten und gerade bei älteren Menschen den Charakter einer akuten Erkrankung haben. Diese Ereignisse sind laut Untersuchungen in bis zu 25 Prozent der Fälle Anlass für eine stationäre Einweisung, in erheblichem Umfang Anlass für einen ambulanten Arztbesuch und werden oftmals als Todesursache aufgeführt.
Fortgeschrittene Arzneimittelinformationssysteme sind geeignet, die Kompetenz, fachliche Qualifikation und Entscheidungen aller Heilberufe in einem Medikationsprozess zu unterstützen. Sie komplettieren ärztliches Know-how, bieten darüber hinaus pharmakologisches Spezialwissen sowie individuelle Therapiehinweise auf Basis der automatischen Auswertung von Daten zu Eigenschaften des Patienten.
Betrachtet man sämtliche diagnostischen und therapeutischen Abläufe und Maßnahmen in einer Arzneimitteltherapie, so liegt das Augenmerk auf deren regelkonformer Ausführung, um eine maximal sichere Arzneimitteltherapie zu erzielen. Auch hier unterstützen IT-Funktionen den Versorgungsablauf zum Beispiel unter Berücksichtigung der individuellen Gesundheitsmerkmale eines Patienten und fördern somit die Prozessqualität. Dazu zählen unter anderem die Medikamentenverordnung, die Medikationsanamnese, die ärztliche Dokumentation sowie die Beachtung von empfohlenen Behandlungspfaden und Vorgaben zur Indikationsstellung.
IT-gestützte Maßnahmen dienen ausschließlich der Unterstützung menschlicher Handlungsträger bei einer Therapie mit Arzneimitteln. Ähnlich einem Navigationssystem ist AMTS-IT dabei stets nur als Entscheidungshilfe gedacht. Um diesen Zweck zu erfüllen, ist es notwendig, dass AMTS-IT ausreichend gebrauchstauglich ist, um die notwendige Akzeptanz bei den Anwendern und den beabsichtigten Nutzen in meist multiprofessionellen Arbeitsabläufen zu erzielen.
Speziell im Krankenhaus gibt es eine Reihe von Strategien, mittels IT die Struktur- und Prozessqualität der Arbeitsabläufe in einer Arzneimitteltherapie zu verbessern. Ein weitverbreiteter Ansatz ist, Arzneimittel-Verordnungen elektronisch als Leistungsauftrag zu erfassen und zu kommunizieren. Die nachfolgende Dokumentation der täglichen Einnahme zusammen mit einer Befunddokumentation sollte ebenfalls elektronisch erfolgen, womit der Verlauf der stationären Arzneimitteltherapie durch synchrone AMTS-Prüfverfahren rund um die Uhr überwacht werden kann. Hier kommen Plausibilitätsfunktionen im klinischen Arbeitsplatzsystem zum Einsatz, die den behandelnden Fachkräften jeweils fallbasiert handlungsrelevante Begleit-informationen, sichere Handlungskorridore oder Hinweise zu Risiken oder möglichen unerwünschten Ereignissen geben.
Der medizinische Nutzen solcher AMTS-IT-Systeme konnte vielfach nachgewiesen werden. Jedoch muss man auch über mögliche Risiken sprechen. Hauptsächlich im US-amerikanischen Wirtschaftsraum stieß man bei Untersuchungen zu den Technologiefolgen und der Nützlichkeit solcher Systeme auf methodische Herausforderungen. So wurden ein zeitgleicher Anstieg von Morbidität und Mortalität, neue Fehler und Risiken, die unvermittelt in Erscheinung treten, bis hin zum gezielten Ausschalten oder Ignorieren von Systemhinweisen durch die Anwender beobachtet.
Daraus kann man ableiten, dass es für eine Einrichtung nicht damit getan ist, die entsprechende Software zu beschaffen, zu installieren und dann auf die Verbesserungen zu warten. Zunächst gilt es, mit allen Handlungsträgern eine fundierte Analyse und Projektierung der internen Arbeitsabläufe und Prozesse bei einer medikamentösen Therapie zu erstellen. Deren Ergebnisse bestimmen die Implementierungsstrategie der Software, definieren das erwünschte Verbesserungspotenzial beziehungsweise die erforderliche Unterstützung durch IT. Daraus ergeben sich zudem die kundenseitigen Anforderungen für Beschaffung, Projektierung und den Einsatz computerbasierter AMTS. Dieser zu leistende Aufwand limitiert bei zunehmender Arbeitsverdichtung und allgegenwärtigem Personalmangel in der Versorgung die Nutzungsgeschwindigkeit von AMTS-IT bereits im Vorfeld.
Folglich wird nur dann Bewegung in das Thema AMTS-IT kommen, wenn entweder eine gesetzliche Regelung Einkehr hält oder ausreichend Investitionsmittel bereitstehen, die es der Branche ermöglichen, zusätzlich zum Versorgungsauftrag eine sichere digitale Arbeitswelt zu schaffen. Mit einer nachhaltigen AMTS-IT-Strategie im Rahmen eines umfassenden Qualitätsmanagements könnten für die Hersteller und den Endanwender klare Entwicklungsziele geschaffen werden.
Um den Hindernissen bei der Einführung von AMTS-Systemen sinnvoll zu begegnen, ist eine enge fachliche Einbindung bei Qualitätssicherung, Entgeltprozessen oder Medizincontrolling notwendig. Außerdem wäre es hilfreich, wenn die zunehmende Digitalisierung des Gesundheitswesens bei den Entscheidungsträgern in Politik, Organisationen und Verbänden ausreichend Würdigung findet. So existiert zum Beispiel in der bundesdeutschen Koordinierungsgruppe Arzneimitteltherapiesicherheit bislang keine Organisation, die den aktuellen Stand des Wissens im Bereich medizinische Informationstechnologie beziehungsweise Digitalisierung vertritt. Gerade im Bereich Medizininformatik der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie e.V. (GMDS)arbeiten viele Fachleute mit fundiertem Know-how, das nicht oder kaum in Anspruch genommen wird. Stattdessen wird von motivierten, aber fachfremden Personen in diversen (Telematik-)Projekten wiederholt das Rad neu erfunden. Aufgrund fehlender Untersuchungen gibt es wenig belastbare Kennzahlen, die die Wirtschaftlichkeit von AMTS-IT belegen, um auf diesem Weg Investitionshürden in der Politik, der Selbstverwaltung oder den Chefetagen der Krankenhäuser abzubauen.
Eine große fachliche Herausforderung in der Entwicklung von IT-Lösungen ist wie erwähnt, dass die individuelle Empfindlichkeit jedes Patienten gegenüber Pharmazeutika nur teilweise in einem standardisierten AMTS-Behandlungsmodell abgebildet werden kann. Als Folge erzeugen IT-gestützte AMTS-Prüfverfahren oftmals viele aus Anwendersicht irrelevante Hinweise und werden daher vom Nutzer abqualifiziert. Der Anwender spricht dann von Überalarmierung (Overalerting), reagiert mit Hinweismüdigkeit (Alert Fatigue) oder ignoriert Nachrichten des AMTS-Systems (Overriding of Drug Safety Alerts). Dort muss noch wesentliche Entwicklungsarbeit geleistet werden, um den Nutzen, die Praxistauglichkeit und generell den Reifegrad der Software-Produkte zu verbessern. Auch hier handelt es sich um einen Investitionsbereich der Digitalisierung, der aus gesellschaftlicher Sicht wenig politische Unterstützung erfährt und seine Fortschritte vorrangig aus ehrenamtlichem Engagement von fachkundigen Kolleginnen und Kollegen bezieht.
Autor: Dr. Manfred Criegee-Rieck, Leiter der Arbeitsgruppe Arzneimittelinformationssysteme in der GMDS und leitet die Stabsstelle ITK der Franziskanerbrüder vom Hl. Kreuz e.V.
