Bis zu 42 Milliarden Euro jährlich – so hoch ist das theoretische Einsparpotenzial durch Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen laut einer aktuellen McKinsey-Studie. Das entspricht rund 12 Prozent der gesamten Gesundheits- und Versorgungsausgaben. [1] Besonders vielversprechend sind Anwendungen, die nicht nur Prozesse beschleunigen, sondern auch Transparenz, Koordination und Versorgungssicherheit erhöhen. Beispiele sind die elektronische Patientenakte (ePA), strukturierte Kommunikationstools und sektorenübergreifende digitale Dienste. Doch während viele dieser Lösungen in der Theorie längst eingeführt sind, zeigt sich in der Praxis ein anderes Bild: Insellösungen, Brüche im Informationsfluss und analoge Umwege prägen weiterhin den Alltag vieler Versorgungseinrichtungen. Umso wichtiger sind reale Beispiele, die zeigen, wie sich die Digitalisierung nicht auf Projektpläne beschränkt, sondern konkret wirkt – im Alltag, im Team und bei den Patient:innen.
Struktur statt Silos: Ein Praxisverbund zeigt, wie es geht
Das zahnmedizinische Versorgungszentrum 4smile mit sechs Standorten in Nordrhein-Westfalen hat die digitale Zusammenarbeit konsequent zur Grundlage seiner Versorgung gemacht. Die gesamte Kommunikation, intern wie extern, erfolgt über eine datenschutzkonforme Messenger-Plattform, die speziell für medizinische Anwendungen konzipiert wurde. Hierüber werden täglich zahlreiche Patientenfälle diskutiert, dokumentiert und gemeinsam betreut – standortübergreifend, interdisziplinär und strukturiert. Was als pragmatische Alternative zu E-Mail und Telefon begann, ist heute ein systematischer Kommunikationsstandard im Praxisverbund. Alle Fachkräfte sind eingebunden, auch externe Kolleg:innen wie Schlafmediziner:innen, Hausärztinnen und -ärzte oder Spezialist:innen aus angrenzenden Fachrichtungen. Gruppenräume ersetzen lose Verteiler, Entscheidungen werden dokumentiert und Informationen zentral gebündelt. Fallbezogene Dokumente wie Röntgenbilder, Befunde oder Therapievorschläge sind jederzeit abrufbar, nachvollziehbar und kontextbezogen einsehbar. Diese Qualität geht in der klassischen Korrespondenz oft verloren.
Digitale Fallbesprechungen statt analoger Routinen
Ein zentrales Element dieser digitalen Versorgungspraxis sind tägliche, strukturierte Fallbesprechungen. Sie folgen dem Prinzip der klinischen Visite, sind jedoch vollständig digital abgebildet, synchron wie asynchron. Insbesondere bei komplexen oder mehrdimensionalen Diagnosen wie craniomandibulären Dysfunktionen (CMD), obstruktiver Schlafapnoe oder interdisziplinärer Schienentherapie hat sich dieses Format bewährt.
Der entscheidende Vorteil ist, dass Fachwissen gezielt zusammengebracht werden kann, ohne dass alle Beteiligten physisch präsent sein müssen. Diskussionen erfolgen auf Abruf, Entscheidungen werden direkt dokumentiert, und Patient:innen profitieren von einer koordinierten Behandlung ohne doppelte Wege, ohne Wartezeiten und Informationsverlust.
Effizienz entsteht durch Klarheit – auch wirtschaftlich
Was auf organisatorischer Ebene überzeugt, wirkt sich auch betriebswirtschaftlich aus. Eine strukturierte Kommunikation spart nicht nur wertvolle Zeit, sondern vermeidet teure Redundanzen, Wiederholungsuntersuchungen, unklare Verantwortlichkeiten und zeitverzögerte Nachfragen.
Das digitale Fallmanagement beansprucht im Schnitt zwei bis drei Stunden pro Tag. Ein Aufwand, der sich schnell rechnet: in Form von besser planbaren Behandlungsabläufen, gezielterer Ressourcennutzung und zufriedeneren Patient:innen. Auch die Mitarbeitenden profitieren von klar definierten Prozessen, nachvollziehbaren Übergaben und weniger Reibungsverlusten in der täglichen Abstimmung. Gerade in medizinischen Versorgungszentren (MVZ) mit mehreren Standorten wird dadurch eine neue Versorgungsqualität möglich, die individuelle Betreuung mit übergreifender Kompetenz verbindet. Für den beschriebenen Praxisverbund gilt dabei: So persönlich wie eine Einzelpraxis, so koordiniert wie eine Klinik.
Digitalisierung beginnt im Alltag, nicht in der Strategie
Was den Erfolg eines Systems ausmacht, ist weniger die Technologie selbst, sondern vielmehr ihre Einbettung in den Versorgungsalltag. Die Einführung des Messengers war keine umfassende Change-Initiative, sondern die Reaktion auf konkrete Probleme: fehlende Struktur in der internen Abstimmung und datenschutzrechtlich bedenkliche Ad-hoc-Lösungen. Die interdisziplinäre, DSGVO-konforme Kollaborationsplattform ließ sich ohne aufwendige Schulungen implementieren, fügte sich intuitiv in die bestehenden Abläufe ein und überzeugte durch ihren direkten Mehrwert. Für erfahrene Fachkräfte wurde sie schnell zum festen Bestandteil der Patientenversorgung. Jüngere Kolleg:innen empfinden sie ohnehin als selbstverständlich, da sie digitale Prozesse nicht als Kür, sondern als Basisvoraussetzung erwarten. Wirkliche Akzeptanz entsteht also, wenn Technologie nicht kompliziert ist, sondern entlastet. Genau das gelingt hier, weil Prozesse, Inhalte und Beteiligte intelligent miteinander vernetzt sind.
Perspektive: Was die Telematikinfrastruktur leisten muss
Doch auch wenn das Beispiel zeigt, was bereits heute möglich ist, wird deutlich: Damit diese Form der Zusammenarbeit perspektivisch flächendeckend funktioniert, braucht es eine leistungsfähige, interoperable Infrastruktur.
Dabei stellt sich auch die Frage, wie sichere Kommunikationsprozesse innerhalb dieser neuen Infrastruktur künftig aussehen werden. Denn klar ist: Die sektorenübergreifende Kommunikation zwischen Gesundheitsfachkräften wird weiter an Bedeutung gewinnen – nicht als Selbstzweck, sondern um Versorgung effizient und koordiniert zu gestalten. Gefragt sind deshalb Lösungen, die datenschutzkonform, alltagstauglich und nutzerfreundlich sind, unabhängig davon, ob sie als Bestandteil der Telematikinfrastruktur zertifiziert sind oder ergänzend eingesetzt werden. Die Erfahrungen aus der Praxis können wertvolle Hinweise geben, wie solche Lösungen gestaltet sein müssen, um echte Mehrwerte zu liefern und trotzdem flexibel zu bleiben.
Telemedizin: Ergänzung statt Ersatz
Ein weiterer logischer Anwendungsbereich, der sich aus der strukturierten Kommunikation ergibt, ist die Telemedizin. Im 4smile MVZ wird sie bereits punktuell eingesetzt, etwa zur Nachsorge nach operativen Eingriffen, für Videosprechstunden in der kieferorthopädischen Betreuung oder für die fallbezogene Beratung durch externe Fachärztinnen und -ärzte. Telemedizin wird hier nicht als Ersatz, sondern als gezielte Erweiterung gedacht: sinnvoll integriert, dokumentiert und auf die jeweilige Behandlungssituation abgestimmt. Im Zusammenspiel mit Messenger-Kommunikation und TI-Anbindung [2] entsteht so ein Versorgungssystem, das den Patient:innen dort begegnet, wo sie stehen, und das dem Versorgungsalltag entspricht, nicht nur der Vision.
Fazit: Kommunikation als Schlüssel und Chance
Digitale Versorgung funktioniert dann, wenn Anwendungen aufeinander abgestimmt sind, Prozesse ineinandergreifen und Menschen gerne damit arbeiten. Das nordrhein-westfälische MVZ 4smile zeigt mit seinem Beispiel, wie Kommunikation zur verbindenden Kraft im Versorgungsprozess werden kann – und zwar nicht als digitale Spielerei, sondern als echte Arbeitsgrundlage. Wer die Digitalisierung wirklich als Chance begreift, sollte deshalb nicht nur auf große Strategien, sondern auch auf pragmatische Lösungen setzen, die im Alltag funktionieren. Denn dort entsteht der Wandel. Nicht auf Papier, sondern zwischen Menschen, die gemeinsam an guter Versorgung arbeiten.
Quellen
[1] McKinsey Studie 2024: „Digitalisierung im Gesundheitswesen“
https://www.mckinsey.de/~/media/mckinsey/locations/europe%20and%20middle%20east/deutschland/news/presse/2022/2022-05-24%2042-mrd-euro-chance/220524_mckinsey_die%2042-mrd-euro-chance.pdf.
[2] gematik
https://www.gematik.de/telematikinfrastruktur/ti-anbindung?utm_source=chatgpt.com
4smile MVZ
Das 4smile MVZ ist ein Verbund aus sechs zahnmedizinischen Standorten. Zum Einsatz kommt die sichere Kollaborationsplattform Doctolib Connect, die entwickelt wurde, um die Zusammenarbeit und Koordination zwischen medizinischen Teams und Organisationen zu optimieren. Sie ist als App und als Webanwendung verfügbar und vernetzt derzeit mehr als 950 000 Gesundheitsfachkräfte in unterschiedlichen Ländern.
