Eine Studie, die das Institut für angewandte Versorgungsforschung (inav) im Auftrag der Rhön Stiftung erstellt hat, geht der Frage nach, mit welchen Hürden Hospital-at-Home-Konzepte im deutschen Gesundheitswesen konfrontiert sind. „Die Studienlage ist überwältigend“, sagte inav-Chef Prof. Volker Amelung. Hospital-at-Home sei eines der Konzepte, bei dem es tatsächlich gelingen könne, bessere Versorgung zu niedrigeren Kosten bei höherer Patientenzufriedenheit zu erreichen.
Wichtig: Hospital-at-Home sind nicht ambulante Leistungen, die durch Krankenhäuser erbracht werden. Es geht um Patient:innen, die die Qualifikation und die Möglichkeiten eines Krankenhauses brauchen – aber dort nicht zwingend liegen müssten. Es geht um Dinge wie COPD, onkologische Erkrankungen, Frühgeburtlichkeit sowie generell die geriatrische Versorgung. Unterschieden wird der Admission-Avoidance-Ansatz, bei dem stationäre Aufenthalte von vornherein vermieden werden sollen, vom Early-Discharge-Ansatz, der eine frühzeitige Entlassung anstrebt. Das aktuell laufende, vom inav mitkonzipierte Innovationsfondsprojekt „Virtual Ward“ folgt dem ersten Ansatz: Bewohner:innen von Pflegeheimen, die Krankenhausbetreuung brauchen, sollen diese direkt im Pflegeheim erhalten – ohne Transport und neue Umgebung. Frühentlassungen bei Frühgeburtlichkeit wären ein typisches Beispiel für den zweiten Ansatz.
Unter 104 Publikationen keine aus Deutschland
Für den vom inav erstellten Scoping-Review, den die inav-Wissenschaftlerin Anna-Lena Brecher vorstellte, wurde Evidenz aus insgesamt 104 Publikationen ausgewertet, die zwischen 2015 und Anfang 2025 publiziert wurden. „Vorreiter sind die USA, Spanien und Großbritannien“, so Brecher. Aus diesen Ländern stammen jeweils zehn oder mehr Publikationen. Keine einzige der 104 Publikationen kam primär aus Deutschland.
Bei den Indikationen für die Hospital-at-Home-Versorgung dominierten die Atemwegserkrankungen, gefolgt von Infektionen und kardiovaskulären Erkrankungen. Explizit geriatrische Szenarien waren immerhin in 15 Publikationen Thema, es folgen Onkologie, Pädiatrie, (post-)chirurgische Versorgung und Palliativmedizin. Tatsächlich, so Brecher, gebe es sogar eine ganze Reihe von Studien bzw. Publikationen, die breit aufsetzen und sich nicht auf eine Indikation festlegen.
Das Risiko ist nicht höher als im Krankenhaus
Beispielhaft stellte Brecher einen recht aktuellen Cochrane Review zur Hospital-at-Home-Thematik vor, der auf Admission-Avoidance-Konzepte fokussiert hatte (Edgar K et al. Cochrane Database Syst Rev 2024; CD007491). Er umfasst insgesamt rund 3 100 Patient:innen aus 20 randomisierten Studien. Die Kernbotschaft: In Sachen Gesamtsterblichkeit machen Hospital-at-Home-Konzepte keinen Unterschied, sie sind also nicht mit einem höheren Sterberisiko behaftet.
Es gibt auch nicht häufiger Krankenhaus(wieder)aufnahmen als bei primär stationärer Versorgung. Dafür war das Risiko, sechs Monate später in stationärer Langzeitpflege zu sein, in der Hospital-at-Home-Gruppe nur in etwa halb so hoch: „Hospital-at-Home scheint dazu beizutragen, dass Menschen länger und sicher in der Häuslichkeit verbleiben können“, so Brechers Fazit aus diesem Review.
Beispiel Barcelona: Postoperative Hospital-at-Home-Betreuung
Ein konkretes Versorgungsbeispiel liefert eine Kohortenstudie der Universitätsklinik in Barcelona, an der in den Jahren 2021 bis 2023 insgesamt 325 Patient:innen teilnahmen, die nach operativen Eingriffen frühzeitig entlassen wurden. Auch hier: Es geht nicht um die auch in Deutschland bekannte Fast-Track-Chirurgie, es geht um Patient:innen, die noch stationäre Versorgung brauchen, diese aber nicht im Krankenhaus, sondern zu Hause erhalten (Ugarte A et al. Ann Surg 2024; 279(5)-727-33).
Die Patient:innen hatten u. a. Nierentransplantationen, Appendektomien und bariatrische Operationen über sich ergehen lassen. Nach der Operation wurde anhand festgelegter Einschlusskriterien überprüft, wer sich für die häusliche Versorgung eignete. Zu Hause erfolgte dann je nach Konstellation Schmerztherapie, chirurgische Wundversorgung, Vitalparameter-Monitoring, Physiotherapie oder alles zusammen. Die Ärzt:innen wurden täglich telemedizinisch zugeschaltet, machten also Visiten wie sonst auch. Insgesamt ziehen die Spanier eine sehr positive Bilanz: Im Schnitt wurde der Klinikaufenthalt um drei Tage verkürzt, es wurden 1 551 Bettentage eingespart. Eine Wiederaufnahme innerhalb von 30 Tagen war bei 7 Prozent der Patient:innen nötig, wobei davon ein Drittel aus Gründen aufgenommen wurden, die mit der Operation selbst nichts zu tun hatten.
Beispiel UK: Geld sparen mit COPD-at-Home
Ein weiteres Beispiel aus der klassischen Hospital-at-Home-Indikation COPD kommt aus Großbritannien, wo es vor allerdings schon zehn Jahren an drei Kliniken eine randomisierte Studie mit gesundheitsökonomischer Evaluation gab (Echevarria C et al; COPD 2016; 13(4):523-33). Die Eignung für die Hospital-at-Home-Versorgung wurde hier u. a. am DECAF-Score festgemacht. Insgesamt 118 Patient:innen nahmen teil. Die häusliche Betreuung erfolgte sowohl durch Respiratory Speciality Nurses als auch telemedizinisch durch die Krankenhauspneumolog:innen.
Medizinisch funktionierte das, was bei der COPD auch vorher schon gut belegt war. Interessant sind die ökonomischen Daten. Die Versorgungskosten pro Person über 90 Tage waren bei Hospital-at-Home-Versorgung im Schnitt um rund 1 000 britische Pfund geringer, im Wesentlichen durch die geringere Zahl an Krankenhaustagen bedingt. Hospital-at-Home-Patient:innen waren im Schnitt einen Tag im Krankenhaus, regelversorgte Patient:innen fünf Tage. Basierend auf qualitätsadjustierten Lebensjahren berechneten die Ökonom:innen eine Wahrscheinlichkeit von 90 Prozent, dass die Hospital-at-Home-Versorgung mit diesen Zahlen auch real kosteneffektiv ist. Die Patient:innen wurden hier auch konkret gefragt, was sie von der Sache hielten. Und auch da war das Ergebnis eindeutig: 90 Prozent sagten, sie bevorzugten die Heimbetreuung.
Sektorengrenzen, technische Defizite und Personalmangel
Wenn die Datenlage so ist, wie sie ist, warum tut sich in Deutschland dann – außer dem genannten Innovationsfonds-Projekt – in Sachen Hospital-at-Home-Versorgung so herzlich wenig? Amelung sieht drei große Hürden oder eher Problembereiche, die derartige Projekte speziell in Deutschland stark erschweren, nämlich die nach wie vor starren Sektorengrenzen, eine unzureichende technische Infrastruktur und einen Mangel an qualifiziertem Gesundheitsfachpersonal.
Beim Stichwort Sektorengrenzen denkt Amelung nicht nur an regulatorische Rahmenbedingungen, die ein Engagement von Krankenhäusern in der Häuslichkeit erschweren. Es gehe auch um „mentale Sektorengrenzen“: Das Wohnzimmer der Patient:innen ist in den Köpfen der Akteur:innen des Gesundheitswesens Teil der ambulanten Welt. Bei der Technik geht es zum einen um einen flächendeckenden Breitbandzugang. Hospital-at-Home impliziert ein krankenhausanaloges Monitoring in Echtzeit, und das funktioniert nur, wenn die Netzwerkanbindung und die Netzwerkstabilität das auch hergeben. Die zweite technische Lücke ist das Fehlen einer elektronischen Patientenakte, die diesen Namen verdient. Ein PDF-Safe kann die Grundlage für ein Hospital-at-Home-Szenario nicht sein. Und solange die ePA nicht mehr ist als ein auch noch unübersichtlicher PDF-Safe, sind für eine Hospital-at-Home-Versorgung andere Plattformen nötig, die dann erst mal aufgebaut werden müssen.
Nicht zu klein denken
Aus all dem leiten die Wissenschaftler:innen des inav und leitet die Rhön Stiftung eine Reihe von Empfehlungen für jene ab, die es trotz aller Hürden in Deutschland mit Hospital-at-Home-Pilotprojekten versuchen wollen. „Wir empfehlen, sehr eng in Patientenkollektiven zu denken“, so Amelung. Das hessische VirtualWard-Projekt fokussiert auf Pflegeeinrichtungen. In Hannover wird aktuell über ein Hospital-at-Home-Projekt bei Transplantationspatient:innen nachgedacht. Und einen weiteren Hospital-at-Home-Innovationsfonds-Antrag gibt es für Patient:innen nach Sturz.
Ein zweiter Erfolgsfaktor sind Amelung zufolge hinreichend große Strukturen, sprich große Krankenhäuser mit höherer Versorgungsstufe in eher urbanen Regionen: „Hospital-at-Home macht keinen Sinn, wenn es nur fünf bis sechs Patienten gibt. Man muss sich Gedanken machen, wie man das skaliert kriegt. Es braucht Strukturen, die langfristig aufgesetzt sind und über drei bis fünf Jahre aufgebaut werden.“ Zu solchen Strukturen gehören – ein weiterer Erfolgsfaktor – Kooperationen mit ambulanten medizinischen Einrichtungen aller Art. Es braucht eine technische Infrastruktur, und natürlich müssen sich alle, die mit Hospital-at-Home-Gedanken spielen, mit dem Thema Finanzierung beschäftigen. Stand im Moment kommen hier Amelung zufolge – jenseits der Förderprojekte – in erster Linie Selektivverträge nach § 140a SGB V infrage.
Die vollständige Studie „Hospital@Home – Ein innovatives Versorgungskonzept für die Gesundheitsversorgung der Zukunft“ finden Sie unter:
https://www.rhoen-stiftung.de/wp-content/uploads/2025/11/RSt_Hospital@Home.pdf
