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Wortbruch gegenüber den Krankenhäusern“ – „Krankenhäuser protestieren mit offenem Brief an Ministerin“ – „Bund will Anschein erwecken, dass Krankenhausreform keine tiefgreifenden Strukturveränderungen zur Folge hätte“. Drei Pressemeldungen der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) mit Breitseiten gegen Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) binnen einer Oktoberwoche, das war selbst im konflikterprobten Gesundheitswesen ungewöhnlich. Der Grund, klare Sache, war die Entscheidung der Ministerin, die aktuellen Finanzprobleme der gesetzlichen Krankenversicherung auf dem Rücken der Krankenhäuser (und der Versicherten) zu lösen, unter anderem durch Kürzungen in Höhe von 1,8 Milliarden Euro im stationären Sektor. Was das für die IT-Budgets der Krankenhäuser bedeutet, die in Deutschland weiterhin niedriger sind als anderswo? Unklar. (Siehe Abbildung 1.)
Warkens „Coup“, der für viele überraschend kam, war die Hintergrundmusik zum diesjährigen Führungskräfte-Kongress „Meeting am Meer“, das sein Jubiläum ohne denjenigen feiern musste, der es einst gegründet hatte (siehe am Ende des Beitrags). Nicht Hintergrundmusik, sondern zentrales Thema der zweieinhalb Tage war die Transformation der Krankenhäuser, die durch die Entscheidung der Ministerin nochmals an Dringlichkeit gewonnen hat. Dass der Politik dieser Umbruch egal ist, oder dass sie ihn negiert, wie die DKG nahelegt, kann man schlecht behaupten: Der 50 Milliarden Euro schwere Krankenhaustransformationsfonds (KHTF) trägt tiefgreifende Strukturreformen in der Krankenhauslandschaft schon im Namen. Fördermittel können jetzt beantragt werden, und es könnte sich lohnen, damit nicht zu lange zu warten (siehe Interview mit Hendrik Riedel: https://e-health-com.de/details-news/fruehe-antraege-treffen-auf-offene-ohren/).
KHZG-Förderung: Fortschritte ja, großer Wurf nein
Zwar ist der KHTF eine Transformationsförderung und nicht – wie beim Krankenhauszukunftsgesetz (KHZG) – eine IT-Förderung. Doch dass Transformation im 21. Jahrhundert ohne massive Digitalisierung vonstattengehen könnte, das glaubt niemand. Wurden in KHZG-Zeiten noch einzelne digitale Use Cases hoch- und runterdekliniert, so lautet in KHTF-Zeiten die Frage: Wie lassen sich sowohl innerhalb medizinischer Einrichtungen als auch über deren Grenzen hinweg Plattformen aufbauen, die es ermöglichen, eine Vielzahl an digital hinterlegten Prozessen zu etablieren oder zu optimieren und die Qualität der Patientenversorgung auch in Zeiten von Fachkräftemangel und knapper werdenden Mitteln aufrechtzuerhalten?
Dieser Frage kann man sich von mehreren Seiten nähern. Dr. Peter Gocke, Chief Digital Officer der Charité Berlin, warb dafür, den Plattformcharakter der entstehenden Telematikinfrastruktur (TI) und insbesondere der elektronischen Patientenakte (ePA) nicht zu unterschätzen. Schon das KHZG habe mit zumindest punktuellem TI-Bezug wichtige Akzente gesetzt: „Ohne die Förderung des digitalen Medikationsmanagements hätten wir es schwerer gehabt mit ePA und eRezept“, so Gocke. Positiv am KHZG wertete Gocke auch die verpflichtende Reifegradbestimmung, deren Ergebnis – ein Anstieg des Reifegrads von 33 auf 42 von 100 Punkten in drei Jahren – allerdings „etwas ernüchternd“ sei, zumal, so Gocke, wegen der Kopplung an das Förderprozedere der erste Wert wahrscheinlich eine Unter- und der zweite eine Überschätzung sei.
Die TI als Kernkomponente eines Plattformökosystems Gesundheit
Trotzdem habe die Binnendigitalisierung im Gefolge von KHZG und DigitalRadar Fortschritte gemacht, und auf dem Weg „nach draußen“ werde die TI für Krankenhäuser künftig wichtiger: „Immer mehr Subsysteme haben Bedarf, mit der TI zu kommunizieren, wir werden immer offener nach außen“, betonte Gocke, der allerdings auch zugab, dass derzeit kaum eine TI-Funktion ohne Startschwierigkeiten in Betrieb gehe und dass der Übergang in die performantere TI 2.0 drei bis fünf Jahre dauern werde. Was die ePA angeht, sieht Gocke sie als den zentralen Schritt in Richtung personen-, und nicht mehr einrichtungszentrierte Versorgung. Auf Dauer sei dazu mehr Strukturierung nötig. Dort, wo strukturiert werde, komme auch die Nutzung: „Die Medikationsliste ist ein deutlicher Meilenstein. Wir haben seither viel mehr Zugriff auf die ePA-Schulungsvideos.“
Für eine zunehmende ePA-Nutzung an der Charité, wo die ePA seit einigen Wochen in Teilen verfügbar ist, sprechen auch Nachfragen der Ärztinnen und Ärzte dahingehend, wie mit einer ePA umzugehen sei, in der sehr viele Dokumente lägen. Die Verschlagwortung mit Metadaten hält der Charité-CDO für bisher suboptimal, KI-Tools zur Strukturierung seien mit der derzeitigen ePA noch nicht nutzbar. Daran müsse dringend gearbeitet werden. Dennoch: „Wir haben jetzt erstmals ein Plattformökosystem wie andere Industrien auch. Die TI und die ePA werden Kernkomponenten, die wir künftig auch für die Telemedizin nutzen können.“
Vom Entlassmanagement zur universellen Prozessautomatisierung
Klar ist: Mit einer (TI-)Plattform für die integrierte bzw. telemedizinische Versorgung ist es nicht getan. Zukunftsfähig werden Krankenhäuser nur dann, wenn sie auch ihre internen Prozesse in den Griff kriegen. Geht das mithilfe von Künstlicher Intelligenz, und wenn ja, wie genau? An Antworten versuchte sich in Heiligendamm Maximilian Greschke, CEO des Unternehmens Recare, einer der Hidden Champions der Krankenhausdigitalisierung in Deutschland. Recare hatte sich initial auf die Digitalisierung von Sozialdienst und Entlassmanagement fokussiert und damit einen Nerv getroffen. Heute arbeiten fast 1 000 Kliniken mit der Recare-Lösung.
Im Zuge unzähliger KHZG-Projekte habe sich irgendwann die Frage gestellt, wie es nun weitergehe, so Greschke. Dabei rückte eine breiter aufsetzende Prozessautomatisierung mithilfe von Künstlicher Intelligenz in den Fokus – also eine datenbasierte Prozessunterstützung über das Entlass- und Überleitungsmanagement hinaus. Aus diesen Überlegungen heraus entstand das Konzept einer agentischen KI-Plattform, bei der ein großes Sprachmodell (LLM) – ein „KI-Agent“ – mit einem Set an Tools ausgestattet wird, die es erlauben, ganze Serien von Prozessen zu bearbeiten.
Die agentische KI-Plattform von Recare basiere auf drei Grundgedanken, so Greschke. Zum einen gehe das Unternehmen davon aus, dass das wesentliche Interface in Krankenhäusern künftig Sprache sein werde – gesprochene Sprache oder in Chat-Funktionen niedergelegte Sprache. Was die Dokumentation im engeren Sinne angeht, so werde diese – zweite These – künftig zu wesentlichen Teilen mithilfe von Ambient-Listening-Technologien aus laufenden Prozessen entstehen. Und was das für agentische KI-Plattformen zentrale Problem fehlender Interoperabilität angeht, so werde dies sich – dritte These – in weiten Teilen dadurch lösen, dass KI-Modelle (auch) aus unstrukturierten Daten Informationen in einer Qualität herausziehen können, die für die Steuerung administrativer Prozesse – nur darum geht es Recare – ausreicht.
Die Komponenten für die Verwirklichung dieser Vision bietet Recare selbst oder mit Partnern an. Ein eigenes Clinical Data Repository (CDR) gibt es nicht, aber existierende CDR können über FHIR-Schnittstellen oder HL7 v2 angebunden werden. In Partnerschaft mit Voize und mit Tandem Health gibt es Spracheingabe- und Ambient-Listening-Tools. Das Herz des Ganzen, das LLM, wird in Deutschland gehostet und ist C5-zertifiziert, um den Krankenhäusern maximale Sicherheit zu geben. Über offene Protokolle können zudem externe Services angeschlossen werden. Beispielhaft nannte Greschke die Pflegedienst-Software QRaGo, die es im Zusammenhang mit entsprechenden KIS-Verordnungen ermöglicht, Krankentransporte automatisch zu organisieren.
Agaplesion macht KI zur Chefsache
KI-Agenten haben das Potenzial, Krankenhausprozesse deutlich effizienter zu machen. Doch wie kann man sich als Krankenhaus dem Thema KI effizient nähern? Wie aus Dutzenden KI-Anwendungen die auswählen, die auch wirklich einen dauerhaften Nutzen haben? Und wie verhindern, dass massenhaft einzelne KI-Anwendungen mit jeweils eigenen LLMs den Stromverbrauch in ungeahnte Höhen treiben?
Bei Agaplesion, als gemeinnützige Aktiengesellschaft in christlicher Trägerschaft eine der größten privaten Klinik- und Pflegeheimketten in Deutschland, geht man diese Fragen systematisch an. Im Sommer 2025 wurde einrichtungsübergreifend ein neuer „Zentraler Dienst KI“ ins Leben gerufen, unter Leitung von Fabian Lechner, Doktorand für Künstliche Intelligenz bei Prof. Martin Hirsch an der Universität Marburg. Lechner wies in Heiligendamm auf die enorme Relevanz hin, die KI mittlerweile in der medizinischen Forschung habe. Wer LLM oder „large language model“ bei PubMed eingibt, der findet mittlerweile rund 6000 Zitierungen. Nur die Covid-Pandemie hatte in der Vergangenheit eine ähnliche Publikationswucht: „KI ist keine Nischentechnologie mehr, sie ist Gegenstand des nächsten geopolitischen Wettrüstens geworden.“
Agaplesion habe bereits im August 2024 einen ersten KI-Gipfel veranstaltet, sagte Sebastian Polag, Vorstandsmitglied Agaplesion gAG. In dessen Folge wurde ein konzernweites KI-Lenkungsgremium und zuletzt der neue Zentrale Dienst etabliert – bewusst als eigener Bereich, und nicht als Teil der IT-Abteilung. Aufgaben sind die Projektierung von KI-Anwendung, die Evaluierung von KI-Trends sowie „make or buy“-Entscheidungen, also die Klärung der Frage, ob ein KI-Tool gekauft oder auf vorhandenen Ressourcen selbst entwickelt werden sollte.
Derzeit, so Polag, liefen Agaplesion-weit über 20 KI-Pilotprojekte. Im Bereich radiologische Bildanalyse auf Notaufnahmen hat man sich mittlerweile für ein Produkt entschieden, das jetzt konzernweit ausgerollt wird. Im Bereich generative KI wird ein KI-gestützter Arztbrief pilotiert. Zusammen mit Voize werden KI-Agenten getestet, die einfache administrative Jobs selbsttätig erledigen. In der Zentralen Notaufnahme in Gießen ist ein KI-basiertes Prognosemodell im Einsatz, das das Patientenaufkommen vorhersagt und bei der Dienstplanoptimierung hilft. Es gibt den Chatbot AGA, der von Mitarbeiter:innen genutzt werden kann, um auf die interne Wissensdatenbank zuzugreifen, in der u. a. Standard Operating Procedures abgelegt sind. Es gibt KI-Unterstützung im Labor und im Tumorboard. Und natürlich gibt es eine LLM-Lizenz für den Alltagsgebrauch, Microsoft Copilot, als quasi „legale“ Alternative zu ChatGPT.
Ein Praxisbeispiel von Agaplesion finden Sie hier:
https://e-health-com.de/details-news/agaplesion-bringt-radiologie-ki-in-die-notaufnahme/
Das Kreuz mit der Datenqualität
Eine wichtige Herausforderung im Zusammenhang mit KI-Anwendungen sind Datenqualität und Datenzugang. Beides ist so zentral, dass Berater wie Hendrik Riedel von der Digital Avantgarde ihren Klient:innen raten, als Teil von übergreifenden Digital- und KI-Strategien auch eine eigene Datenstrategie zu formulieren.
Sich in Sachen Datenqualität darauf zu verlassen, dass KI sich die nötige Information auch aus nicht strukturierten Daten wird holen können, davon rät Charité-CDO Peter Gocke ab: „Gewinnen von Daten aus PDFs ist ein bisschen wie Fracking, das funktioniert nicht immer besonders gut.“ Darauf zu warten, dass die Hersteller von klinischen Informationssystemen bei Datenstrukturierung und Datenzugänglichkeit zu Musterknaben werden, ist angesichts der hohen Geschwindigkeit der KI-Entwicklung auch nicht optimal. Eine Lösung sind zwischengeschaltete Interoperabilitätsplattformen und/oder CDRs. Bei Agaplesion hat man die eigene Zurückhaltung diesbezüglich mittlerweile aufgegeben: Ein CDR sei jetzt ausgeschrieben worden, so Polag. Auf Interoperabilität durch Öffnung der Primärsysteme zu hoffen, dauert schlicht zu lang.
Dass das keineswegs nur an den Herstellern der klinischen Informationssysteme liege, betonte Olaf Dörge von Oracle. Viele KIS- und Plattformhersteller programmierten den ISiK-Standards hinterher, um dann festzustellen, dass der Prozess nicht funktioniere oder völlig unklar sei. Gocke sieht dieses Problem auch, er betonte aber, dass ISiK sich weiterentwickele: „ISiK 1 war eine One-man-Show der gematik. Mittlerweile werden Unternehmen, Krankenhäuser und auch Patientenverbände gefragt.“ Der Prozess, so Gocke, müsse am Anfang stehen. Technik für alle Eventualitäten bereitzustellen und zu hoffen, dass jeder seinen Weg schon findet, das funktioniere dagegen nicht.

Im Gedenken an Prof. Dr. Wolfgang Riedel
Der Führungskräfte-Kongress „Meeting am Meer“ fand in diesem Jahr zum zwanzigsten Mal statt – anders als geplant ohne denjenigen, der die Veranstaltungsreihe einst ins Leben gerufen hatte. Prof. Dr.-Ing. Wolfgang Riedel verstarb am 11. Juli 2025 überraschend und von einem Augenblick auf den anderen im Alter von 76 Jahren. Nach Stationen an kommunalen und Universitätskliniken fand er von 1986 bis 1996 als Professor für Krankenhausbetriebstechnik an der Fachhochschule Braunschweig-Wolfenbüttel mit der Krankenhausdigitalisierung sein berufliches Lebensthema. Bundesweit branchenbekannt wurde er als Leiter des IfK Institut für Krankenhauswesen Braunschweig, das Kranken-häuser fundiert zur Digitalisierung beriet und gleichzeitig den Impact von Digitalisierung mit wissenschaftlichem Anspruch analysierte. Der jährliche Führungskräfte-Kongress in Heiligendamm, der mittlerweile von der Digital Avantgarde ausgerichtet wird, ist für Riedel und seine ganze Familie nicht nur Kongress, sondern immer auch Herzensprojekt gewesen. Die Jubiläumsveranstaltung vom 15. bis 17. Oktober 2025 hat er nicht mehr erlebt.