Die digitale Zukunft der Labormedizin ist verheißungsvoll, doch es gibt noch diverse Hürden, die es zu nehmen gilt. Datenschutz, veraltete Infrastruktur und Fachkräftemangel bremsen den Fortschritt derzeit noch aus. Dennoch gibt es Grund zu Optimismus, denn in letzter Zeit wurden zahlreiche Veränderungen angestoßen, die den Weg hin zu einer digitalen Labordiagnostik ebnen.
Stand der Dinge in Sachen Labordigitalisierung
In den letzten Jahren hat die Digitalisierung in der Labormedizin an Fahrt aufgenommen, nicht zuletzt dank der COVID-19-Pandemie, die viele Prozesse beschleunigt hat. Der Mediziner Julian Gebauer vom Elblandklinikum Meißen berichtet anlässlich des Digital Health Leadership Forums in Mannheim: „Die Pandemie hat gezeigt, dass plötzlich Dinge möglich wurden, die vorher blockiert waren. Projekte, die normalerweise Jahre gedauert hätten, konnten in wenigen Wochen umgesetzt werden.“
Besonders bei PCR-Tests wurde die digitale Infrastruktur in Rekordzeit aufgebaut. Allerdings ist diese noch lange nicht an dem Punkt, wo sie eigentlich sein sollte. So gibt es weiterhin viele Lücken, fügt Gebauer hinzu: „Wir haben immer noch viele veraltete Prozesse, die den Fortschritt behindern. Trotz dieser Fortschritte arbeiten viele Labore noch mit Papier und analogen Prozessen.“
Dieser Stillstand bei der Digitalisierung ist kein rein technisches Problem. Deutschland hinkt im internationalen Vergleich bei der Nutzung von Gesundheitsdaten hinterher. Kai Persch, Vice President, Sales and Service Management SI Global Accounts von Roche, verweist auf die Tatsache, dass „97 Prozent der Gesundheitsdaten ungenutzt bleiben.“ Dabei könnte gerade die Verknüpfung und Nutzung dieser Daten zu einer deutlichen Verbesserung in der Labormedizin führen. Deutschland müsse dringend aufholen, mahnt Persch. Der Status quo ist klar: Die digitale Transformation ist in den Laboren angekommen, aber sie steckt vielerorts noch in den Kinderschuhen.
Möglichkeiten und Potenziale
Wenn die Labormedizin den Sprung über die Hürden schafft, winkt eine digitale Zukunft voller Versprechungen. Künstliche Intelligenz (KI) könnte die Art und Weise, wie Diagnosen gestellt werden, revolutionieren. Dr. Markus Bundschus, Data Office bei Roche Diagnostics Germany, schildert beeindruckende Fortschritte bei der Verwendung von KI in der Diagnostik: „Wir haben es geschafft, Biomarker in silico zu entdecken und sie später in klinischen Studien zu validieren.“ Der datengetriebene Ansatz bildet den Grundstein, um Krankheitsmuster früher zu erkennen und die Behandlung präziser abzustimmen.
Auch in den Laboren selbst soll die Digitalisierung zu erheblichen Verbesserungen führen. Gerade Routineprozesse könnten zum Großteil automatisiert werden. Beispielsweise könnten Blutproben, die heute noch manuell bearbeitet werden, bald durch KI-gestützte Systeme analysiert werden, die innerhalb von Sekunden Ergebnisse liefern. Bei der Diagnose, insbesondere von komplexen Krankheitsbildern wie der Identifikation von seltenen Krankheiten oder genetischen Anomalien, könnten KI-Algorithmen Muster oder Abweichungen erkennen, die menschlichen Augen möglicherweise verborgen bleiben.
Und nicht zuletzt ist die Einführung der elektronischen Patientenakte (ePA) ein wichtiger Meilenstein für die nahtlose Vernetzung von Labordaten. Können dann Ärztinnen, Ärzte und Laborpersonal schneller auf die Ergebnisse zugreifen, sie im Kontext anderer Gesundheitsinformationen betrachten und fundierte, zeitnahe Behandlungsentscheidungen treffen, dürfte das die Effizienz im Gesundheitswesen deutlich voranbringen. Grundsätzlich ist Automatisierung aber nicht nur eine Frage der Effizienz – sie bedeutet auch höhere Genauigkeit und eine Minimierung der Fehlerquellen. Doch all das hängt von der erfolgreichen Integration digitaler Systeme in den Klinikalltag ab – und genau hier liegt die Krux.
Was bremst die Digitalisierung aus?
Auch wenn die Labordigitalisierung so viele Möglichkeiten bietet, lauern auf dem Weg dorthin noch einige Stolpersteine. Eines der größten Probleme ist – wie so häufig – der Datenschutz. Jeremy Dähn, CEO von Minddistrict DACH, berichtet von einem Projekt zur Überwachung von Chemotherapie-Patient:innen, das jahrelang durch endlose Datenschutzdebatten ausgebremst wurde. „Vier Jahre haben wir allein mit Datenschutzfragen verbracht“, erzählt er frustriert. Die strengen Vorschriften bremsen innovative digitale Lösungen immer noch aus.
Obwohl der Datenschutz oft als Hauptproblem genannt wird, besteht ein weiteres zentrales Hindernis darin, dass die Patient:innen oft aus dem Entscheidungsprozess ausgeschlossen werden. Eine umfassende Aufklärung und die Möglichkeit, über die Verwendung der eigenen Daten zu bestimmen, fehlen häufig. „Der Hauptfehler, den auch die Politik oft macht, ist, dass der Nutzer komplett aus dem Spiel gelassen wird. Man versucht eine sehr starke Bevormundung des Nutzers, anstatt ihm die Möglichkeit zu geben, selbst über seine Daten zu entscheiden“, so Nikolaus Wintrich, COO von Labor Berlin – Charité Vivantes GmbH.
Ein weiteres Hindernis ist der Fachkräftemangel. Persch warnt, dass bis 2030 weltweit bis zu 10 Millionen Arbeitskräfte im Gesundheitswesen fehlen könnten. Dies betrifft nicht nur medizinische Fachkräfte, sondern auch IT-Spezialisten, die für die Implementierung und Pflege digitaler Systeme unerlässlich sind. Ohne qualifiziertes Personal wird es schwierig werden, die Vision einer vollständig digitalisierten Labormedizin zu verwirklichen.
Hinzu kommt die veraltete technische Infrastruktur in vielen Laboren. Ferdinand Nitschke, DIO bei den Helios Kliniken, stellt fest: „Viele Kliniken arbeiten noch mit veralteten Systemen, die eine digitale Transformation blockieren.“ Er berichtet von einem groß angelegten Projekt, bei dem 50 bis 70 Kliniken auf ein neues klinisches Informationssystem umgestellt werden mussten – eine Herkulesaufgabe, die zeigt, wie weit der Weg zur flächendeckenden Digitalisierung noch ist. Es fehlt oft an der nötigen Ausstattung, um digitale Systeme effektiv zu nutzen.
Der Faktor Mensch
So viel zu den technischen Hürden. Diese sind allerdings nur eine Seite der Medaille. Denn der menschliche Faktor darf nicht unterschätzt werden, wenn es um die Einführung digitaler Technologien geht. Change Management – also der richtige Umgang mit Veränderung – ist entscheidend für den Erfolg. Immerhin ist es nicht nur die Technik, die den Wandel gestaltet, sondern auch die Bereitschaft der Menschen, sich auf neue Arbeitsweisen einzulassen.
Dr. Orla Flock von der K.O.M. Group, spezialisiert auf Change Management, erklärt, dass viele Mitarbeiter:innen in den Kliniken und Laboren Veränderungen skeptisch gegenüberstehen. „Veränderungen werden oft als Bedrohung wahrgenommen, insbesondere dann, wenn sie bestehende Abläufe infrage stellen.“ Diese Angst vor Veränderung führt oft zu Widerstand, der die Einführung neuer Technologien verzögert. Um diese Widerstände zu überwinden, ist es wichtig, das Personal von Anfang an in den Veränderungsprozess einzubeziehen. „Betroffene zu Beteiligten machen“, lautet Flocks Mantra. Nur wenn Mitarbeiter:innen verstehen, wie sie von den neuen Technologien profitieren, werden sie bereit sein, diese zu akzeptieren und aktiv zu unterstützen.
Die digitale Zukunft der Labore
Trotz aller Herausforderungen sind die Expert:innen optimistisch, dass die Labordigitalisierung in den kommenden Jahren große Fortschritte machen wird. Die Zukunft der Labormedizin liegt in der kontinuierlichen Datenerfassung und der intelligenten Auswertung dieser Daten. Bundschus sieht die größte Stärke der Labordigitalisierung in der Möglichkeit, datengetriebene Ansätze zur Prävention und Behandlung zu nutzen. „Daten sind der Treibstoff der Medizin von morgen“, erklärt er. Mit den richtigen Daten könne man Krankheiten früher erkennen und gezielter behandeln. Doch auch er weiß, dass der Weg dorthin noch lang ist.
Die Labordigitalisierung ist kein ferner Traum – sie steht vor der Tür. Doch der Weg dorthin ist voller Hindernisse. Datenschutz, Fachkräftemangel und alte IT-Strukturen sind die größten Herausforderungen, die überwunden werden müssen. Gleichzeitig bieten Technologien wie KI und Automatisierung enorme Chancen, die Diagnostik zu revolutionieren und den Patient:innen bessere Behandlungsmöglichkeiten zu bieten. Damit diese Vision Wirklichkeit wird, braucht es nicht nur technische Innovationen, sondern auch die Bereitschaft, alte Denkmuster aufzubrechen und den Wandel aktiv zu gestalten. Die Reise hat gerade erst begonnen – und sie wird die Labormedizin nachhaltig verändern.
