E-HEALTH-COM ist das unabhängige Fachmagazin für Gesundheitstelematik, vernetzte Medizintechnik , Telemedizin und Health-IT für Deutschland, Österreich und die Schweiz.
Mehr

Für das ePaper anmelden

Geben Sie Ihren Benutzernamen und Ihr Passwort ein, um sich an der Website anzumelden

Anmelden

Passwort vergessen?

Top-Thema |

Medizin 2.0

Die Medizin 2.0 ist in aller Munde. Zeitungen berichten. Politiker reden. Eine Umfrage jagt die nächste. Ein Hype? Klar ist: Vom Arzt bis zum Pharmakonzern wirft jeder ein Auge auf die neue digitale Medizinwelt. Spannend bleibt dabei die Umsetzung.

 

Für pharmazeutische Unternehmen ist das Wissen um Nebenwirkungen ihrer Produkte bares Geld wert. Wer hier schludert, dem drohen vor allem in den USA rasch Klagen, die in die Milliarden gehen können. Ein Problem ist, dass die klinischen Zulassungsstudien nur bedingt geeignet dafür sind, Nebenwirkungen zu identifizieren. Manche Nebenwirkungen sind schlicht zu selten, als dass sie in dem begrenzten Studienrahmen ein statistisches Signal erzeugen würden. Andere wiederum treten erst nach Jahren wirklich in Erscheinung, und damit zu spät für die häufig nur auf ein bis zwei Jahre angelegten Studien vor der Markteinführung.

 

Um Nebenwirkungen draußen in der realen Versorgung früher zu erkennen, durchsuchen immer mehr pharmazeutische Unternehmen systematisch soziale Netzwerke, in denen sich Menschen aus aller Welt und damit zwangsläufig auch Patienten tummeln. Bei der US-amerikanischen Health-2.0-Konferenz in Kalifornien berichtete Greg Powell, der für Pharmakovigilanz zuständige Manager bei GlaxoSmithKline, über den Einsatz von Softwarelösungen des in Boston ansässigen Start-ups Epidemico, die bei der Web-2.0-Suche nach unerwünschten Arzneimittelwirkungen helfen sollen.

 

Powell ließ keinen Zweifel daran, dass es pharmazeutische Unternehmen etwas angeht, wenn in sozialen Medien über Wirkungen und Nebenwirkungen der Produkte des Unternehmens kommuniziert wird. Die Frage sei weniger, ob sich ein Unternehmen damit auseinandersetzen müsse, sondern wie es das am besten tue, so Powell. GSK geht so vor, dass es die sozialen Netzwerke systematisch nach Posts durchkämmt, in denen die eigenen Produkte erwähnt werden.

 

Bei einem Konzern mit zahlreichen Blockbuster-Medikamenten sind das nicht einige wenige, sondern viele Millionen. An dieser Stelle kommt Epidemico ins Spiel: Das Spin-off des Bostoner Kinderkrankenhauses hat sich auf das medizinische Data-Mining von Twitter, Facebook und Co spezialisiert. Mithilfe unterschiedlicher Software-Lösungen filtert Epidemico die von dem Pharmaunternehmen generierten Social-Media-Datensätze und identifiziert jene Posts, die tatsächlich relevante Informationen über Nebenwirkungen enthalten könnten.

 

Wird auf diesem Weg irgendetwas Auffälliges entdeckt, geht alles den normalen Pharmakovigilanz-Gang: Wie bei anderen Hinweisen auf Nebenwirkungen geht das Unternehmen auch den Social-Media-Hinweisen einzeln nach. Dafür hat jeder Pharmakonzern spezielle Abteilungen, die sich um nichts Anderes kümmern. Powell berichtete in Kalifornien über einen Fall, bei dem der Rückruf einer fehlerhaften Arzneimittelcharge durch einen Facebook-Post ausgelöst wurde.

 

Wenn Big Pharma durch sein Social-Media-Engagement Probleme mit Arzneimitteln rascher erkennt, spart das so viel Geld, dass sich die Frage, ob sich dieses Engagement lohnt, nicht mehr stellt. An anderen Ecken des Gesundheitswesens ticken die Uhren anders. Auch ärztlicherseits gibt es zum Beispiel zunehmend Zuspruch zu digitalen medizinischen Anwendungen. Nur übersetzt sich dieser Zuspruch nicht automatisch in funktionierende Anwendungen.

 

Aktuelle Zahlen zum digitalen Mindset der deutschen Ärzte liefert die vom PVS Verband und HIMSS unterstützte und von der GGMA Gesellschaft für Gesundheitsmarktanalyse durchgeführte Studie „Ärzte im Zukunftsmarkt Gesundheit 2015“ der Stiftung Gesundheit. Für die aufwendige Befragung wurden knapp 14 000 niedergelassene Ärzte, Zahnärzte und Psychologische Psychotherapeuten online angeschrieben, von denen 418 (3,5 Prozent) antworteten. 

 

Insgesamt sprechen Ärzte der IT in dieser Befragung einen hohen Nutzen zu. Rund 85 Prozent sind beispielsweise der Auffassung, dass Computer eine erhebliche Arbeitserleichterung darstellen, die sie nicht mehr missen möchten. Auf der anderen Seite glaubt nur eine Minderheit von unter einem Fünftel der Ärzte, dass Computer die Arzt-Patienten-Beziehung negativ beeinflussen.

 

Wenn etwas konkreter nach Medizin-2.0-Anwendungen gefragt wird, dann gibt es zwar keine ungeteilte Begeisterung, aber doch relevante Minderheiten, die sich den Einsatz bestimmter Tools entweder ganz konkret vorstellen können, oder derartiges sogar schon planen. Beispiel Videokonferenzen mit Patienten: Immerhin jeder dritte Arzt / Psychotherapeut gab an, sich dies vorstellen zu können oder es bereits konkret zu planen. Bei den Videokonsilen mit Kollegen oder kooperierenden Berufsgruppen lag die Zustimmungsquote sogar bei bis zu knapp zwei Dritteln.

 

Auch der Blick in die Zukunft illustriert die grundsätzliche Bereitschaft vieler Ärzte, in den Dimensionen einer digitalen Versorgung zu denken. So ist rund die Hälfte der Ärzte der Auffassung, dass die Versorgungsradien von Ärzten größer werden und dass daher das Fernbehandlungsverbot deutlich eingeschränkt werden dürfte. 43 Prozent gehen davon aus, dass die digital gestützte Versorgung von Patienten in Alten- und Pflegeheimen sich immer mehr Bahn brechen wird. Explizit gegen eine deutliche Einschränkung des Fernbehandlungsverbots spricht sich nur jeder Fünfte aus.

 

Was Apps und Co angeht, ist das Bild etwas geteilter. Zwar erwarten 44 Prozent der Ärzte, dass therapieunterstützende Apps Eingang in Leitlinien finden werden. Dass sich dadurch die Patientensicherheit verbessert, glauben die Ärzte allerdings eher nicht. Und definitiv ist die Mehrheit nicht der Auffassung, dass Apps aller Art die ärztliche Arbeit erleichtern oder auch nur die Compliance der Patienten verbessern.

 

Sehr aufgeschlossen gegenüber der digitalen Gesundheit sind die Patienten, wie derzeit eine Umfrage nach der anderen zeigt. Nur zwei Beispiele von vielen: Das infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft hat im Auftrag der Stiftung Münch in einer repräsentativen Befragung eruiert, wie die Bevölkerung zur digitalen Speicherung medizinischer Daten steht. Ergebnis: Die Einführung einer (wie auch immer gestalteten) elektronischen Patientenakte wird von einem Großteil der Bevölkerung befürwortet. Der Nutzen wird höher eingeschätzt als das Risiko.

 

Die Menschen wollen ihre Daten dabei nicht nur für sich haben: Sie sind auch in überwiegender Mehrheit dafür, dass elektronisch gespeicherte medizinische Daten für die Wissenschaft genutzt werden. „Wer mit oftmals nur vorgeschobenen Datenschutzargumenten weiterhin dringend erforderliche Projekte im Gesundheitswesen wie beispielsweise die elektronische Patienten­akte zu verhindern sucht, stellt sich damit eindeutig gegen die mehrheitlichen Interessen der Bevölkerung“, kommentierte Stiftungsvorstand Stefan Holzinger das Ergebnis.

 

Auch das Unternehmen welldoo hat die Deutschen nach ihrer Haltung zu digitalen Gesundheitsthemen befragt. Genutzt wurde ein Online-Panel, an dem 400 Männer und Frauen teilnahmen, nicht repräsentativ in diesem Fall. welldoo ist ein Anbieter von Gesundheits- und Sozial-Apps, also nicht ganz neutral, was das Thema der Befragung angeht. Einem breiteren Publikum bekannt wurde das Unternehmen mit der seit Kurzem von der Techniker Krankenkasse angebotenen Allergiker-App „Husteblume“. Das welldoo-Online-Panel deutet darauf hin, dass die Deutschen nicht nur Gesundheits-Apps mögen, sondern sich auch vorstellen können, noch eins draufzusetzen: So gaben 71 Prozent an, dass sie an der Nutzung persönlicher Roboter interessiert seien, die die medizinische Versorgung unterstützen könnten.

 

Nun sind Umfragen schön und gut, aber die Frage bleibt, was wann wie in der Versorgung ankommt. Den Schlüssel in der Hand haben zum einen die Krankenkassen. Aber auch die Ärzte könnten die Medizin-2.0-Welt aktiv vorantreiben. Wollen sie? Zumindest gibt es einige interessante Ansätze. So hat der Deutsche Hausärzteverband gemeinsam mit den Unternehmen vitaphone und vitus die TAG TeleArzt GmbH gegründet, die das Projekt TeleArzt umsetzen soll. Es wird ab Herbst in einer hausärztlichen Praxis in Lindlar, Nordrhein-Westfalen getestet.

 

Beim TeleArzt-Projekt sollen Versorgungsassistentinnen (VERAH) mit einer Art telemedizinischem Rucksack ausgestattet werden, der es erlaubt, bei Hausbesuchen erfasste Vitaldaten direkt in die hausärztliche Praxis zu senden. Auch eine Videoverbindung ist vorgesehen: „So kann ich mich als zuständiger Hausarzt direkt in das Wohnzimmer des Patienten zuschalten. Außerdem liegen mir wichtige Daten digital vor“, betont TAG TeleArzt Geschäftsführer Dr. Thomas Aßmann aus Köln.

 

Die Praxis in Lindlar hat es damit bis auf die Titelseite des Wissenschaftsteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung geschafft. Dass Schwester AGnES in Mecklenburg-Vorpommern vor bald zehn Jahren schon Ähnliches machte, wurde dabei nicht erwähnt. Trotzdem: Die Beteiligung des Hausärzteverbands ist ein ermutigendes Zeichen dafür, dass sich bei der praktischen Umsetzung digitaler Versorgungsmodelle etwas bewegen könnte.

 

Eine Art Kickstart-Effekt für die IT-gestützte Versorgung erhoffen sich immer mehr Akteure des Gesundheitswesens von dem auf das GKV Versorgungsstärkungsgesetz zurückgehenden Innovationsfonds. Zur Erinnerung: Pro Jahr sollen 300 Millionen Euro zusätzlich verteilt werden, davon 225 Millionen für Versorgungsprojekte, die von einem mit Vertretern des Gemeinsamen Bundesausschusses und des Bundesgesundheitsministeriums besetzten Innovationsausschuss ausgewählt werden und darauf abzielen, Innovationen in die Regelversorgung zu bringen. Dass dabei ganz explizit auch an IT-gestützte Versorgungsprojekte gedacht ist, ergibt sich schon aus der Gesetzesbegründung, in der die „Telemedizin“ als ein potenziell förderungswürdiges Thema eigens aufgeführt wird.

 

Ob das so funktioniert, wie sich die Politik das vorstellt, ist die andere Frage. Bernhard Gibis, Leiter des Geschäftsbereichs Versorgungsstruktur bei der KBV, wies kürzlich beim ­gevko Symposium 2015 auf ein potenzielles Problem hin: Der Innovationsfonds zielt auf die Regelversorgung und damit auf die gesamte GKV. Die Kassen dagegen betrachten Telemedizin, Apps und Co bisher als ein Instrument im Wettbewerb untereinander. Es braucht also eine Art mentale Umpolung der Kassenbosse, was Innovationsfondsanträge mit Telemedizinkomponente nicht einfacher macht.

 

Besucher des gevko Symposiums konnten auch den Eindruck gewinnen, dass der Innovationsfonds Gefahr läuft, in Sachen IT-gestützter Versorgung etwas überfrachtet zu werden. So wünschte sich Ulf Maywald, Leiter des Bereichs Arzneimittel bei der AOK PLUS, dass Gelder aus dem Innovationsfonds zur Finanzierung der Entwicklung sektorübergreifender IT-Standards genutzt werden. Und Eberhard Mehl vom Deutschen Hausärzteverband würde per Innovationsfonds am liebsten das nach wie vor politisch tote elektronische Rezept reanimieren.

 

Die derzeitige IT-Begeisterung im Gesundheitswesen in allen Ehren, aber diese beiden Ideen sind zum Scheitern verurteilt. Wer den Innovationsfonds nutzen will, um die IT-gestützte Versorgung voranzubringen, muss Versorgungsprojekte mit IT-Komponente an den Start bringen, nicht IT-Projekte mit Versorgungskomponente. Der Sprung in die Regelversorgung wird dann gelingen, wenn ein Förderprojekt die nötige Breite und Versorgungstiefe erreicht. Das ist in erster Linie eine versorgungspolitische Herausforderung, und keine technische. Wenn das gelingt, wird es auch mit der Etablierung von technischen Standards einfacher. Der umgekehrte Weg wurde lange genug erfolglos beschritten.