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Medizintechnik: Vom Prototypen in die Versorgung

Bei MedTech- und Diagnostik-Lösungen ist der Übergang vom Prototypen zum Produkt in den letzten Jahren (noch) anspruchsvoller geworden. Über den Product Launch entscheiden heute Systeme, Daten und KI Der Engpass ist die Fähigkeit, Komplexität systematisch zu steuern.

Bild: © Thanapong – stock.adobe.com, 1079983404, Stand.-Liz.

Die Idee ist stark. Der Prototyp funktioniert. Die ersten Ergebnisse stimmen. Und trotzdem bleibt der Markteintritt oft genau dort hängen, wo Innovation eigentlich Fahrt aufnehmen sollte. Denn in Medizintechnik und Diagnostik entscheidet sich der Erfolg neuer Produkte längst nicht mehr nur im Labor, in der Entwicklung oder im klinischen Nachweis. Er entscheidet sich dort, wo regulatorische Anforderungen, technische Dokumentation, Qualitätsprozesse und Marktzugang aufeinandertreffen und aus einer guten Idee ein belastbares, marktfähiges Produkt werden muss.

Das gilt für In-vitro-Diagnostika (IVD) genauso wie für klassische Medizinprodukte (Medical Device, MD): von Reagenzien und Testsystemen bis hin zu vernetzten Geräten und softwarebasierten Lösungen. Und genau dieser Übergang vom funktionierenden Prototyp zum zugelassenen Produkt ist anspruchsvoller geworden.

 

Warum der Weg in Europa komplexer geworden ist
Vor allem in Europa hat sich das Spielfeld spürbar verändert. Mit der Medical Device Regulation (MDR) und der In-vitro Diagnostic Regulation (IVDR) sind die Anforderungen an Sicherheit, Leistungsbewertung und Dokumentation deutlich gestiegen. Prozesse sind formaler geworden, Nachweise umfangreicher, Schnittstellen zahlreicher.


Das ist nicht per se ein Problem, im Gegenteil: Strengere regulatorische Anforderungen schaffen Vertrauen, erhöhen die Patientensicherheit und sorgen dafür, dass nur leistungsfähige und sichere Produkte auf den Markt gelangen. Aber sie haben eine Konsequenz: Komplexität wird zum entscheidenden Faktor im Product Launch, also im gesamten Prozess von Entwicklung, Zulassung und Markteinführung.


Wie stark sich das auswirkt, zeigt ein Blick in die Diagnostik: Während unter der früheren IVDD (In-vitro Diagnostic Directive) nur rund 8 % der IVDs eine Benannte Stelle (Notified Body, z. B. TÜV) benötigten, sind es unter der IVDR rund 80 % (1). Gleichzeitig berichten Unternehmen von einem durchschnittlichen Anstieg der Kosten für technische Dokumentation um 111 % (2). Und auch strategisch bleibt das nicht ohne Folgen: Die EU wird als Erstmarkt seltener gewählt, bei großen IVD-Herstellern um 40 %, bei großen MD-Herstellern um 33 % (3) – ein klarer Trend hin zu First-Launch-Strategien außerhalb Europas, insbesondere in den USA und weiteren internationalen Märkten (4).


Damit verschiebt sich der Engpass im Product Launch weg von der technischen Entwicklung hin zur Fähigkeit, Komplexität systematisch zu steuern. Was hier sichtbar wird, ist kein Randproblem, sondern ein struktureller Wandel. Product Launch ist heute kein letzter Schritt mehr, sondern das System, das über Geschwindigkeit, Qualität und Markterfolg entscheidet.

Abbildung 1: Wie MDR/IVDR den Product Launch grundlegend verändern: Gegenüberstellung der regulatorischen und operativen Rahmenbedingungen für IVD- und Medizinprodukteentwicklung vor (IVDD) und nach Einführung von MDR/IVDR. Die Grafik zeigt den deutlichen Anstieg der Beteiligung Benannter Stellen, den erhöhten Dokumentationsaufwand sowie den Wandel von sequenziellen, funktional getrennten Prozessen hin zu vernetzten, datengetriebenen und end-to-end-integrierten Entwicklungs- und Launch-Strukturen. Grafik: © BearingPoint

 

Mehr als nur ein Produkt: IVDs als Teil eines komplexen Lebenszyklus
Besonders deutlich wird das in der Diagnostik. Ein IVD ist regulatorisch nicht nur ein Test. Die IVDR umfasst auch Reagenzien, Kalibratoren, Kon­trollmaterialien, Kits, Instrumente, Software und ganze Systeme (5). Das bedeutet: Unternehmen bringen selten ein einzelnes Produkt auf den Markt, sondern ein Zusammenspiel aus Komponenten, Daten, Nachweisen und Dokumentation in Bewegung.
Und genau darin liegt die Herausforderung. Denn je komplexer Produkte werden, desto stärker greifen Entwicklung, Qualität, Zulassung und spätere Marktbetreuung ineinander. Der Launch ist damit kein Punkt mehr am Ende der Entwicklung – er zieht sich durch den gesamten Lebenszyklus. Damit wird das Zusammenspiel von Qualitätsprozessen und Risikomanagement zum zentralen Querschnittsthema, das Anforderungen absichert und Risiken über den gesamten Produktlebenszyklus hinweg systematisch steuert.


Der eigentliche Engpass liegt selten im Produkt
In der Theorie klingt das strukturiert. In der Praxis sieht es häufig anders aus: Dokumente liegen in unterschiedlichen Systemen. Freigaben laufen über E-Mail. Änderungen werden manuell in mehreren Dateien nachgezogen. Und kurz vor Audits beginnt die Suche nach der „richtigen“ Version – obwohl ein vollständiger Audit Trail (lückenlose Nachverfolgbarkeit von Änderungen und Versionen) genau das eigentlich verhindern sollte. Das Problem ist dann nicht die Innovation, sondern das System dahinter.

 

Wie groß der Unterschied sein kann, zeigt ein Beispiel: Das US-Unternehmen Imperative Care benötigte früher fünf Tage, um Management Reviews aus verschiedenen Datenquellen zusammenzustellen. Nach der Einführung eines integrierten PLM/QMS-Setups (Product Lifecycle Management/Quality Management System) dauerte derselbe Prozess fünf Minuten, inklusive vollständiger Rückverfolgbarkeit (6). Der Unterschied war nicht nur Geschwindigkeit, sondern vor allem Steuerbarkeit. Und genau hier verschiebt sich die Perspektive: weg von „Wie bekommen wir die Dokumentation rechtzeitig fertig?“ hin zu „Wie bauen wir ein System, das den Product Launch überhaupt planbar macht?“.


Die digitale Basis entscheidet
Digitale Transformation ist in diesem Kontext die Grundlage dafür, Komplexität beherrschen zu können. Entscheidend ist dabei nicht ein einzelnes Tool, sondern eine funktionierende Systemlandschaft. Typischerweise gehören dazu:

  • Elektronisches Qualitätsmanagementsystem (eQMS) für Qualitätsprozesse und Compliance 

  • Product Lifecycle Management System (PLM) für Produktdaten und Änderungsmanagement 

  • Dokumentenmanagementsystem (DMS) für strukturierte Dokumentation 

  • Regulatory Information Management System (RIM) für regulatorische Steuerung (optional)

 

Erst ihr Zusammenspiel schafft das, was im Product Launch zählt: Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Geschwindigkeit. Genauso wichtig ist jedoch die organisatorische Ebene. Denn Systeme allein lösen keine Probleme:

  • Ein eQMS hilft nicht, wenn Verantwortlichkeiten unklar sind. 

  • Ein PLM bringt keinen Mehrwert, wenn Prozesse nicht anschließen. 

  • Ein DMS bleibt wirkungslos, wenn es im Alltag nicht genutzt wird. 


Erfolgreicher Product Launch entsteht dort, wo Systeme, Prozesse, Governance und Nutzung bewusst integriert gestaltet werden.


KI wird zum wirksamen Hebel, aber nicht von allein
Auf dieser Grundlage kommt ein weiterer Faktor ins Spiel: Künstliche Intelligenz – KI. Nicht als Buzzword, sondern als konkreter Beschleuniger. Gerade im Product Launch kann KI dort Mehrwert schaffen, wo Komplexität und Dokumentation aufeinandertreffen: bei der Strukturierung technischer Dokumentation, der Analyse regulatorischer Anforderungen, bei Impact Assessments von Änderungen oder beim Auffinden von Inkonsistenzen.


Der entscheidende Punkt: KI ersetzt keine regulatorische Verantwortung, aber sie macht sie effizienter. Gerade unter Zeitdruck im Launch entscheidet KI über Geschwindigkeit, Konsistenz und Skalierbarkeit. Gleichzeitig entsteht mit dem EU AI Act ein zusätzlicher regulatorischer Rahmen, insbesondere für KI-basierte Medizinprodukte und Diagnostiklösungen (7). Damit wird KI nicht nur Innovationsfaktor, sondern auch Compliance-Thema. Ohne saubere Daten, klare Prozesse und funktionierende Governance bleibt KI eine Demo. Mit der richtigen Grundlage wird sie zum echten Wettbewerbsvorteil.

Abbildung 2: Schematische Darstellung des Product-Launch-Prozesses für Medizinprodukte und IVDs entlang der Phasen von der Ideation bis zu Post-Market-Aktivitäten. Die Grafik verdeutlicht die durchgängige Relevanz zentraler Querschnittsthemen (u.?a. Dokumentation, Qualitätsprozesse und Regulatory) sowie die unterstützende Rolle digitaler Systeme und KI über den gesamten Prozess hinweg. Grafik: © BearingPoint


Product Launch wird zur strategischen Fähigkeit
Was sich daraus ergibt, ist eine klare Entwicklung: Product Launch ist kein operativer Schritt mehr, sondern eine strategische Fähigkeit. Unternehmen, die Entwicklung, Qualität, Dokumentation und Governance digital zusammenführen und gleichzeitig die Basis für den sinnvollen Einsatz von KI schaffen, profitieren mehrfach:

  • bessere Traceability 

  • weniger manuelle Schleifen 

  • schnellere Abstimmung 

  • höhere Audit-Readiness 

  • mehr Anpassungsfähigkeit 


Und genau diese Anpassungsfähigkeit wird in einem regulierten, dynamischen Umfeld zum entscheidenden Vorteil.


Fazit

Der erfolgreiche Launch eines Medizinprodukts oder IVDs entscheidet sich heute nicht erst bei der Einreichung, sondern viel früher, nämlich in der Art, wie Unternehmen ihre Systeme, Prozesse und Organisation aufstellen und miteinander verzahnen.


MDR und IVDR haben die Anforderungen erhöht. KI erhöht nun zusätzlich die Dynamik. Beides zusammen macht sichtbar, wo der eigentliche Hebel liegt: in der Fähigkeit, Komplexität strukturiert zu steuern. Wer diese Fähigkeit aufbaut, reduziert regulatorische Reibung und bringt gleichzeitig Innovation schneller, konsistenter und skalierbarer zum Patienten. Und genau darum geht es am Ende.

 

Literatur
[1] Europäische Kommission (2021): Fragen und Antworten zur IVDR. QANDA_21_5210_DE, S. 17.
[2] Spectaris; DIHK; MedicalMountains (2024): MDR-Umfrage – Bilanz nach zwei Jahren. 
medizin-und-technik.industrie.de
[3] MedTech Europe (2025): IVDR & MDR Survey Report. 
medicaldevice-network.com
[4] MedTech Europe (2023): Transition to the IVD Regulation – Survey Results (2022). Public Report, medtecheurope.org
[5] Europäische Union (2017): Verordnung (EU) 2017/746 über 
In-vitro-Diagnostika (IVDR), Art. 2.
[6] Propel Software (2025): Customer Case Study – Imperative Care.
[7] VDE (2025): Herausforderungen für KI-basierte Medizinprodukte durch den EU Artificial Intelligence Act (AIA). vde.com

 

AUTOR:INNEN

Dr. Alisha Nabel
Managerin bei BearingPoint

 

Alexander Tamdjidi
Executive Advisor bei BearingPoint