Europa rückt im Bereich Digital Health enger zusammen. Was heißt das für das deutsche Gesundheitswesen?
Ich spüre aktuell eine gewisse Aufbruchstimmung. Corona hat uns wachgerüttelt – wir haben gesehen, was alles nicht funktioniert. Jetzt wird diskutiert, wie man schneller vorankommt. Dabei wird deutlich, dass wir nicht jeder für sich digitalisieren können. Wir brauchen gemeinsame Strukturen. Es bringt wenig, wenn jede Kleinstadt ihre eigene KI entwickelt. Das kann nur europäisch funktionieren.
Und wie gut sind die anderen Länder aufgestellt, um diesem Ziel näherzukommen?
Frankreich ist ein spannendes Beispiel. Auf einer Veranstaltung in Paris habe ich erlebt, wie Technologie dort regelrecht gefeiert wird – Präsident Macron kommt rein wie ein Rockstar. Diese kulturelle Begeisterung für Digitalisierung fehlt bei uns. In Deutschland sprechen wir lieber über Datensicherheit, während andere längst bei Data Sharing angekommen sind. Das ist ein kultureller Unterschied, der sich stark auswirkt.
Gibt es etwas, bei dem Deutschland dennoch vorn liegt?
Absolut – zum Beispiel bei den digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA). Auch wenn hierzulande viel kritisiert wird: Andere Länder schauen mit großem Interesse auf uns. Das
DiGA-System war weltweit das erste dieser Art. Natürlich ist noch Luft nach oben, aber wir haben hier echte Pionierarbeit geleistet.
Digitalisierung gilt oft als technisches Thema – aber wie viel Emotion steckt tatsächlich darin?
Sehr viel – und zwar auf allen Seiten. Viele Gründer:innen, mit denen ich gesprochen habe, haben aus persönlichen Erlebnissen heraus gegründet. Das ist tief emotional. Auf der anderen Seite steht aber auch die Angst: vor Haftung, vor Fehlentscheidungen. Diese Ängste sind ebenfalls emotional und blockieren oft Innovationen. Deshalb müssen wir Digitalisierung auch als emotionale Erzählung denken, nicht nur als Technik.
Was genau meinen Sie mit „Erzählung“?
Es geht darum, wie wir Digitalisierung kommunizieren. In Dänemark zum Beispiel diskutiert man nicht ständig über Risiken. Dort ist Digitalisierung ein selbstverständlicher Teil des Alltags. In Deutschland hingegen dominieren oft Schreckensszenarien. Das zieht sich durch Medien, Politik und Gesellschaft. Wir müssen lernen, Digitalisierung als etwas Positives zu erzählen – wie das andere Länder tun.
Gibt es ein konkretes Beispiel, das Sie beeindruckt hat?
Ja, ein Prototyp, der auf der DMEA vorgestellt wurde: ein digitaler Sprachassistent für Pflegekräfte. Entwickelt von einem deutschen Start-up in Zusammenarbeit mit einem dänischen KI-Unternehmen. Das Gerät transkribiert Gespräche automatisch und spart so bis zu zwei Stunden Dokumentationszeit am Tag. Genau solche Kooperationen zeigen, was europäische Zusammenarbeit leisten kann – praktisch, konkret und länderübergreifend.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Ein europäisches Mindset. Wir können im Digital-Health-Bereich nur etwas bewegen, wenn wir voneinander lernen – nicht nur technisch, sondern auch kulturell. Wir brauchen gemeinsame Räume, in denen neue Ideen willkommen sind. Digitalisierung wird nicht durch Vorschriften zum Erfolg, sondern durch Begeisterung. Die müssen wir gemeinsam entfachen.
Das Interview führte Miriam Mirza, Redaktion E-HEALTH-COM
