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Health-IT |

„KI ohne konsolidierte Daten führt nur zu neuen Insellösungen“

Ein Gespräch mit Lars Dannecker, als Chief Technology Officer bei Mesalvo ein profunder Kenner sowohl des hiesigen KIS-Markts als auch der KI-Transformation im Krankenhaus.

Dr. Lars Dannecker ist Chief Technology Officer bei der Mesalvo GmbH. Foto: © Mesalvo GmbH

Der KIS-Markt im deutschsprachigen Raum ist in Bewegung. Viele Krankenhäuser schreiben aus oder müssen ausschreiben, vor allem wegen der Abkündigung von IS-H und i.s.h.med. Wie schlägt sich Mesalvo in diesem Umfeld?
Der KIS-Markt wurde aus einem sehr stabilen Umfeld quasi herausgerissen. Wir begegnen dieser Situation mit einem Fokus auf Offenheit. Unser klinisches Arbeitsplatzsystem (KAS), Meona, funktioniert zum Beispiel nicht nur mit dem KIS von Mesalvo, sondern auch unabhängig davon. Gleichzeitig sehen wir durch den Weggang von SAP eine riesige Lücke, in die wir mit unserem KIS, aber auch mit unserer HealthCentre-Technologie, hineinstoßen – also mit spezialisierten klinischen IT-Lösungen, hinterlegt mit einem Clinical Data Repository (CDR) und Health­Centre Cortex, unserer cloudbasierten Technologieplattform als Datendrehscheibe. Wir streben hier eine tiefe Integration an, wollen aber gleichzeitig die Offenheit beibehalten. Das wird dann nicht zuletzt mit Blick auf KI-Anwendungen interessant. Natürlich gibt es Konkurrenz, auch neue Player. Aber die müssen erst mal liefern. Moderne Systeme sind das eine, aber im Krankenhausmarkt geht es auch um Dinge wie Umsatz erhöhen oder intelligent Kosten zu senken. Das sind Aspekte, die wir auf Basis langjähriger Erfahrung einbringen können und deren wir uns auch annehmen.

Welchen Stellenwert haben die deutschsprachigen Märkte bei Mesalvo?
Der deutschsprachige Raum ist und bleibt der Kernmarkt. Hier kommt unser Produkt her. Aber wir schauen sehr gezielt auch in andere Märkte. Die nordischen Märkte sind besonders im Fokus, unser aktuell größter und wichtigster Kunde ist in Norwegen, eine der größten regionalen Gesundheitsorganisationen Europas. Das ist auch deswegen interessant, weil die regionale Vernetzung dort einen viel höheren Stellenwert hat. Wenn man dort ein Krankenhaus als Kunden hat, dann ist man für die ganze Region mit zuständig. Wir strecken unsere Fühler auch außerhalb Europas aus, wir waren beispielsweise aktuell auf ­einer Messe in Malaysia.

Es wird derzeit – wieder einmal – über die Zukunft des KIS philosophiert. Wie sehen Sie die Evolution der klinischen Informationssysteme? Ich benutze bewusst den Plural.
Wir haben eine große Diversität an Systemen, was gut ist. Integration wird immer wichtiger, und sie wird auch politisch stark forciert – das macht die europäische Politik im Moment wirklich gut. Es ist auch genau die Richtung, die wir als Firma mitgehen und befeuern. Wir müssen weg von Dateninseln hin zu einem holistischen Patientenbild. Ein zentraler Begriff dabei ist das Clinical Data Repository (CDR), das eine holistische Sicht auf Patientendaten überhaupt erst ermöglicht. KI-Agenten sind dann der natürliche, nächste Entwicklungsschritt.

Glauben Sie, dass KIS-Hersteller-unabhängige CDRs eine Zukunft haben?
Ich glaube, dass KIS-Hersteller gut daran tun, eigene CDRs zu entwickeln. Ich glaube aber auch, dass wir keine neuen Vendor-Lock-In-Szenarien sehen werden. Dagegen würde ich mich auch als Krankenhaus wehren. Ich denke, dass alle CDRs offen sein müssen, sonst sind sie keine CDRs – und zwar nicht nur offen hinsichtlich Lesen, sondern auch offen hinsichtlich Schreiben. Was ich nicht glaube, ist, dass jedes Krankenhaus nur ein CDR haben wird. Ich denke, es wird in vielen Häusern mehrere CDRs mit unterschiedlichen Schwerpunkten geben, beispielsweise eines für die Bildgebung, eines für die klinischen Daten und eines für die administrativen Daten. Die unterschiedlichen CDRs werden miteinander und mit den klinischen Systemen über Standards wie HL7 FHIR und openEHR verknüpft, aber sie agieren nach außen hin wie ein einzelnes CDR. Auf ein solches stark integriertes Datenökosystem können dann Workflows modelliert werden, und KI-Agenten können dort aufsetzen. KI ohne ein konsolidiertes, holistisches Datenökosystem führt am Ende nur zu neuen Insellösungen. Unser Ziel ist genau das Gegenteil: eine gemeinsame Grundlage, auf der Daten frei fließen und Workflows wirklich end-to-end durchgängig sind, ohne Systembrüche und Systemwechsel.

Bevor wir zur KI kommen, nochmal kurz zum KIS. Wenn ich Sie richtig verstehe, ist das KIS für Sie im Kern eine Mischung aus Integrationsschicht und Workflow-Plattform. Sie definieren es also nicht primär über die Nutzeroberfläche?
Integration und Workflows sind Kernfunktionen, aber ein funktionales User Interface ist natürlich eine wichtige Komponente, wenn es um den Einsatz im Krankenhausalltag geht. Ich glaube, dass wir bei den Nutzeroberflächen mehr Vielfalt sehen werden, aber streng genommen ist eine Voice-Bedienung oder ein Ambient-Listening-Tool ja auch nur eine andere Art von Nutzeroberfläche. Dadurch wird ein integrierendes und Workflows koordinierendes KIS nicht überflüssig. Wenn ich mir bei jeder KI-Lösung erst einmal überlegen muss, wie ich die nötigen Daten von A nach B kriege, dann bekomme ich nie den Mehrwert, den ich prinzipiell schaffen könnte. Am Ende ist es einfach: Nicht noch ein weiteres System bringt die Krankenhäuser weiter, sondern Informationen, Menschen und Abläufe, die zusammenfließen. Für interessanter halte ich die Frage, wie viele KIS- und KI-Funktionalitäten wir per­spektivisch in die Cloud verlagern. Nur sehr wenige Krankenhäuser werden sich GPU-basierte KI-Maschinen in den Keller stellen, um ihre KI-Modelle selbst zu trainieren. KI-Funktionalitäten werden in die Cloud wandern. Und wenn KI-Funktionalitäten in die Cloud wandern, dann dürften auch Workflows zunehmend dorthin verlagert werden. Darauf müssen wir uns als KIS-/KAS-­Hersteller einstellen.

Trotzdem: Die Nutzeroberfläche als ein bisher entscheidendes KIS-Merkmal gerät durch KI-Plattformen ein wenig unter Druck.

Aus meiner Sicht wird es eine stärkere Trennung zwischen der Nutzeroberfläche und dem eigentlichen datenverarbeitenden System geben. Im Endeffekt geht es aber um individuelle Kundenpräferenzen. Es wird Krankenhäuser geben, die sagen: „Was brauche ich einen Rechner oder ein Tablet? Ich diktiere einfach alles.“ Es wird aber auch andere geben, die von Voice nichts wissen wollen und visuelle Nutzeroberflächen bevorzugen. Und es wird manche oder sogar viele geben, die mit Kombinationen aus mobilen Geräten und Voice-basierten oder auch Smartglass-basierten Interfaces arbeiten. Solche audio-visuellen Interfaces sind auch sehr gut geeignet, um Informationen direkt im Arbeitsprozess bereitzustellen; denken Sie an Interaktionswarnungen bei der Medikamentenanordnung. Die könnten zunächst akustisch über einen fast unsichtbaren Kopfhörer erfolgen, und bei Bedarf können die Details dann auf dem Mobilgerät angesehen werden. Kurz gesagt: Ich glaube definitiv nicht, dass der klinische Arbeitsplatz ausstirbt. Mein Zukunftsszenario sieht so aus, dass wir das datenverarbeitende System zur Verfügung stellen, in dem auch viele Workflows hinterlegt sind, und ergänzend gibt es eine Auswahl an Devices und User Interfaces, teils von uns, teils von anderen, die einen durchgehenden Workflow unterstützen bzw. ermöglichen. Wir bieten eine Voice-Integration auch schon über einen Partner im Bereich der mobilen Pflegedokumentation an.

Kommen wir zur KI: Wie ist dieses Thema bei Mesalvo organisatorisch verankert?
Die Frage, welche Funktionen KI-gestützt angeboten werden können, ist für uns eine der Kernfragen, die wir derzeit diskutieren. Das geht deutlich über die vielzitierten Chatbots hinaus, denen Ärztinnen und Ärzte dokumentationsbegleitend Fragen stellen können. Eines unserer Ziele ist, die KI als einen unsichtbaren Assistenten zu etablieren. Stellen Sie sich vor, Sie machen Visite. Sie betreten das Zimmer, wenden sich dem Patienten zu und sehen sofort die wichtigsten Informationen auf Ihrem mobilen Display. Das wäre ein echter Mehrwert für das Stations-Team: weniger Klicks, weniger Systembrüche und damit mehr Zeit für die eigentliche Versorgung. Bei der DMEA haben wir so etwas als Prototypen gezeigt. Das ist noch ein Stück vom klinischen Alltag entfernt, aber in diese Richtung wird es gehen.

Ist so etwas dann ein zertifiziertes Medizinprodukt?
Sobald wir über Decision Support reden, kommen wir in diesen Bereich. Und wenn eine KI zum Beispiel bei Laborwerten eine gewisse Anzeigereihenfolge auswählt, dann nähern wir uns dem schon sehr an. Ich glaube nicht, dass alle KI-Tools höherklassige Medizinprodukte sein werden, aber einige werden in diese Richtung gehen müssen. Und entsprechend arbeiten wir da sehr eng mit den Behörden zusammen. Wir haben auch eine eigene regulatorische Abteilung, die sehr KI-affin ist. Hinzu kommt gerade auch bei KI das Thema Datensouveränität. Ein für uns essenzielles Thema. Patientendaten erfordern das höchste Schutzniveau, da kann man nicht einfach irgendein gut zugängliches Modell nehmen, das am besten noch in den USA gehostet wird. Wir nutzen konsequent europäische KI-Modelle, meist solche, die speziell für den Medizinbereich entwickelt wurden.

Abgesehen von dem Smartglass-Szenario: Welche KI-Projekte werden bei Ihnen aktuell pilotiert?
Wir fokussieren stark auf agentische KI. Unser wichtigster Agent aktuell heißt FLO. Das ist ein Agent, der den Workflow direkt unterstützt. Den kann ich zum Beispiel fragen, wie ich bei einem Patienten oder einer Patientin konkret die Medikation anpassen sollte. Wir haben mit Alpine AI auch ein Ambient-Listening-Tool in der Erprobung. Weiterhin befassen wir uns mit Tools aus dem Bereich Smart Coding, die auf Basis der jeweiligen Behandlungen optimierte Codierungsvorschläge erzeugen, und pilotieren KI-gestützte Arztbriefe. Hier kommt uns unsere HealthCentre Cortex-Technologie – unser CDR – zugute, mit der wir alle relevanten Daten zusammenziehen können. Wir haben uns das Arbeitszeitpotenzial da auch ein wenig genauer angesehen. Das ist schon beachtlich: Wird so ein Arztbrief-Tool integriert umgesetzt, dann hat diese Technologie ein massives Potenzial, die notwendige Computerzeit für das medizinische Personal deutlich zu reduzieren und somit wieder mehr Zeit dahin zu verlagern, wo sie am meisten gebraucht wird – zu den Patienten.

Es gibt auch dezidierte KI-Plattformen, die sich im Krankenhaussektor und an dessen Sektorengrenzen platzieren. Sind das eher Konkurrenten oder eher Partner?
Wir glauben, dass ein Kunde beim Thema KI-Tools Entscheidungsfreiheit haben sollte. Natürlich werden wir mit solchen Plattformen zusammenarbeiten, wenn ein Kunde sich dafür entscheidet. Wir stellen die nötigen Schnittstellen, ob FHIR oder openEHR, zur Verfügung. Wir binden übrigens heute schon externe KI-Anwendungen an, etwa im Bereich Voice. Gleichzeitig glauben wir schon, dass wir bestimmte KI-gestützte Prozesse besonders gut umsetzen können, wenn wir das auf Basis unserer eigenen Plattform machen, vor allem stark klinisch ausgerichtete Prozesse.

Nicht nur Healthcare-IT-Unternehmen, auch Krankenhäuser denken über KI nach und agieren da durchaus unterschiedlich. Es gibt Konzerne wie Agaplesion, die eine eigene Stabsstelle KI einrichten. Es gibt andere, die siedeln das Thema komplett bei der IT-Abteilung an. Dann gibt es große Häuser wie das UK Leipzig mit eigener LLM-Plattform. Was würden Sie Ihren Kunden empfehlen, wie sie sich beim Thema KI aufstellen sollten?
Zunächst einmal würde ich jedem Krankenhaus eine echte KI-Strategie empfehlen – inklusive der Überlegung, was das im Hinblick auf die Medizinproduktezertifizierung bedeutet. Denn am Ende ist das Krankenhaus der Betreiber dieser Systeme. Was nicht zielführend ist: darauf zu warten, dass irgendein Unternehmen vorbeikommt und irgendwas Interessantes vorstellt, das dann gekauft wird, weil es irgendjemandem gut gefällt. Wir haben jetzt schon mehrfach erlebt, dass ein Krankenhaus zu uns kommt und fragt: „Wir haben hier diese KI-Software gekauft, wie kann man die jetzt anbinden?“. Das ist die falsche Frage. Die Frage muss lauten: „Wir haben eine KI-Software gekauft, und sie soll in den und den klinischen Workflow an der und der Stelle integriert werden. Könnt ihr das bitte gemeinsam mit uns umsetzen?“. Diese Einbindung in klinische Workflows können weder IT-Anbieter noch die lokalen IT-Abteilungen im Krankenhaus allein leisten, einfach weil ihnen die medizinische Tiefe fehlt. Deswegen würde ich schon sagen, dass eine Art Stabsstelle mit Einbindung der klinischen Abteilungen eine sehr gute Idee ist. Was auch noch wichtig ist: Raum schaffen für Pilotierungen und Experimente. Manche Dinge muss man einfach im klinischen Umfeld testen.

Abschließend noch kurz zum Thema Geschäftsmodelle in der Healthcare-IT-Branche. Für viele KI-Szenarien ist am Ende irgendeine Art von Schnittstellen erforderlich. Schnittstellen sind bisher ein Geschäftsmodell. Das wird aber schwieriger, Stichwort Interoperabilitätspflicht. Wie werden sich in einem stark KI-lastigen Zeitalter, in dem immer mehr integriert werden muss, die Geschäftsmodelle der KIS-Anbieter entwickeln? Schnittstellen bezahlen kann ja nicht die Zukunft sein, oder?
Ich glaube das auch nicht. Ich denke, wir werden eher über subskriptionsbasierte Modelle reden, die dann oft cloud­basiert und zentral verwaltet sein werden, gegebenenfalls mit lokalen Edge-Komponenten für die Ausfallsicherheit. Das macht auch das Thema Schnittstellen einfacher, denn ich kann die dann einfach zentral zur Verfügung stellen. Was die nötigen Standards angeht, sind wir im Gesundheitsmarkt mit FHIR und HL7 gut ausgestattet. Das ist schon länger nicht mehr das Problem. Das Problem war eher, dass das Interesse an unkomplizierter Interoperabilität nicht groß genug war, oder der Druck, je nach Sichtweise. Das wird jetzt gesetzlich erzwungen. Ich denke, Kunden werden künftig nicht mehr für Schnittstellen zahlen, sondern dafür, dass sie bestimmte Workflows in einer bestimmten Art und Weise nutzen können. Man könnte sich hier sogar konsumtionsbasierte Modelle vorstellen: Wenn ich es zum Beispiel schaffe, einen Workflow mit KI supereffizient zu machen, dann könnten pro Ausführung des Workflows meinetwegen 5 Cent abgerechnet werden. Allerdings müsste für solche Modelle auch über die Finanzierung von Krankenhäusern insgesamt gesprochen werden. Da wird bisher noch stark zwischen Investitionen und operativen Kosten unterschieden. Ich lehne mich mal aus dem Fenster: Ich glaube, dass die ganze Auftragssoftwareentwicklung mit kostenpflichtigen Schnittstellen in fünf bis zehn Jahren verschwunden sein wird.

 

Das Interview führte Philipp Grätzel von Grätz, Chefredakteur E-HEALTH-COM.



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