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Mit KI dem Pflegenotstand begegnen

Demografischer Wandel, Fachkräftemangel, knappe Budgets: Die Pflege steckt mitten in einer Krise. Trotz großer politischer Initiativen wie dem „Zukunftspakt Pflege“ gelingt es vielerorts nur durch das übermäßige Engagement der Pflegekräfte, die Versorgung überhaupt aufrechtzuerhalten. Die Folge sind Überstunden, hohe Fluktuation und eine enorme Belastung für das Personal. Gleichzeitig zeigen Beispiele aus der Praxis, dass digitale Instrumente, insbesondere KI-gestützte Modelle, spürbare Entlastung bringen können.

Bild: © OleksandrZastrozhnov – stock.adobe.com, 802268964, Stand.-Liz.

Die politischen Erwartungen sind hoch: Der Zukunftspakt Pflege soll Wege aufzeigen, wie eine verlässliche Versorgung gewährleistet werden kann, ohne die Kosten explodieren zu lassen. Ein entscheidender Punkt dabei ist die gute Einsatzplanung von Pflegekräften – sei es in Kliniken, stationären oder ambulanten Pflegeeinrichtungen. Denn bei allen Stellschrauben, die die Politik hat, die Knappheit an Fachkräften wird sie wahrscheinlich nicht lösen können. Es geht daher darum, sie gut geplant einzusetzen. Doch die Realität zeigt, dass die bisherigen Instrumente dafür kaum geeignet sind. In vielen Einrichtungen laufen zentrale Prozesse noch immer über Excel-Tabellen oder fragmentierte IT-Lösungen. Sie haben lange ihren Zweck erfüllt, stoßen aber unter heutigen Bedingungen an ihre Grenzen.


Denn die Anforderungen sind komplexer geworden: Pflegekräfte arbeiten häufiger in Teilzeit, unterschiedliche Qualifikationsniveaus müssen berücksichtigt werden, Pflegeintensitäten schwanken, und Krankheitsausfälle bringen ganze Dienstpläne ins Wanken. Hinzu kommt, dass beim Personalschlüssel kaum Reserven vorhanden sind. Jeder Ausfall, jede Verschiebung macht sich sofort bemerkbar – und führt nicht selten zu Überlastung.


Gefordert sind daher intelligente, datengestützte Steuerungsinstrumente, die über reaktive Improvisation hinausgehen. KI-gestützte Modelle analysieren in Echtzeit regionale Versorgungslagen, demografische Entwicklungen und Ausfallwahrscheinlichkeiten. Sie ermöglichen es, Pflegekräfte dort einzusetzen, wo ihre Kompetenzen den größten Effekt haben. Die KI analysiert kontinuierlich Auslastung, Pflegeintensität, Qualifikationsprofile und Krankheitsausfälle, um Schichten vorausschauend zu planen. Dadurch kann der zeitintensive Prozess für die initialen Erstellung eines Dienstplans besonders stark verkürzt werden. Im Falle eines kurzfristigen Ausfalls, kann außerdem mithilfe von KI rasch und einfach eine alternative Fachkraft identifiziert und zugeteilt werden. Die zeitaufwendige manuelle Suche nach einer Ersatzkraft entfällt. So steigt nicht nur die Arbeitszufriedenheit, sondern auch die Qualität der Versorgung, weil Fachwissen gezielter eingesetzt wird.


Vorausschauende Personalplanung
KI kann aber weit mehr als nur kurzfristige Engpässe abfedern (operatives Personalmanagement). Besonders wertvoll sind prädiktive Modelle, die eine vorausschauende Personalplanung über Jahre hinweg ermöglichen (strategisches Personalmanagement). Einrichtungen können damit beispielsweise über einen längeren Zeitraum (z. B. Monate und Jahre) berechnen, wie viele Pflegebedürftige mit welchen Pflegestufen in einer Region in fünf oder zehn Jahren zu erwarten sind. Daraus lassen sich gezielt Qualifikationsprofile ableiten, die im Team aufgebaut werden müssen.


Auch für Träger, Kassen und Kommunen eröffnen sich neue Steuerungsmöglichkeiten. Sie können anhand der Prognosen erkennen, wo sich Versorgungslücken abzeichnen, und rechtzeitig gegensteuern, sei es durch neue Einrichtungen, durch regionale Kooperationen oder durch gezielte Fördermaßnahmen. Damit entsteht die Chance, die Versorgung nicht nur zu stabilisieren, sondern auch wohnortnah und zukunftssicher auszubauen.


Erfolge aus der Praxis: KI reduziert Überstunden und Fluktuation
Wie große die positiven Effekte solcher Lösungen sein könnten zeigen die ersten Erfahrungen verschiedener Kliniken und Trägerorganisationen in Österreich. Dort führte beispielsweise der Einsatz einer KI-gestützten Planungsplattform dazu, dass beispielsweise pro Station allein aufseiten der Leitung rund 8 Stunden pro Woche eingespart werden konnten. Durch die verbesserte Planung konnten zusätzlich in den Teams Überstunden um bis zu 30 Prozent und die Fluktuation um 20 Prozent reduziert werden.


Die KI analysiert kontinuierlich Auslastung, Pflegeintensität, Qualifikationsprofile und Krankheitsausfälle, um Schichten vorausschauend zu planen. Gleichzeitig ermöglicht die Plattform eine langfristige Personalplanung: Prognosen für die kommenden Jahre geben Aufschluss über den zukünftigen Pflegebedarf, notwendige Qualifikationsprofile und mögliche Engpässe. Leitung und Management können so rechtzeitig entscheiden, welche Stellen neu besetzt oder Qualifikationen ausgebaut werden müssen.


Anhand eines Beispiels wird der finanzielle Nutzen besonders deutlich: In einem Klinikverbund konnten durch den Einsatz von KI im Personalmanagement Kosten von rund einer halben Million Euro eingespart werden, ohne dass die Versorgungsqualität darunter gelitten hätte. Das Beispiel zeigt auch den finanziellen Nutzen: Im Klinikverbund konnten Kosten von rund einer halben Million Euro eingespart werden, ohne dass die Versorgungsqualität gelitten hätte. Die Zufriedenheit stieg im Team sogar, weil die Planung gerechter und transparenter wurde, Routineaufgaben automatisiert erledigt werden und die Fachkräfte sich auf ihre Kernaufgaben konzentrieren konnten.


Der Mensch im Mittelpunkt

Dieses Praxisbeispiel verdeutlicht: KI ersetzt keine Pflegekräfte, sondern entlastet sie spürbar, schafft Freiräume für direkte Betreuung und stabilisiert die Versorgungsqualität. Sie übernimmt die mühsame Koordination, während die Fachkräfte Zeit für das behalten, was den Kern ihres Berufs ausmacht: Zuwendung, Betreuung, medizinisch-pflegerische Expertise.


Das ist nicht nur für die Versorgungsqualität entscheidend, sondern auch für die Attraktivität des Berufs. Wenn es gelingt, Routinelasten abzugeben, sinkt die Überlastung, die Zufriedenheit steigt, und Pflegekräfte bleiben länger im Beruf. So wird KI zu einem Baustein gegen den Fachkräftemangel – nicht, weil sie Menschen ersetzt, sondern weil sie dafür sorgt, dass Menschen bleiben. 


So gelingt die Einführung: Strategien für digitale Dienstplanung

Damit KI-gestützte Planung ihr Potenzial entfalten kann, braucht es mehr als nur Technologie. Entscheidend sind die Rahmenbedingungen. Einrichtungen sollten zunächst Pilotprojekte starten, um im überschaubaren Rahmen konkrete Verbesserungen sichtbar zu machen – etwa weniger Überstunden, stabilere Einsatzpläne oder eine höhere Mitarbeiterzufriedenheit.


Parallel dazu ist eine gezielte Schulung von Pflege- und Führungskräften notwendig. Nur wenn die Mitarbeitenden die Vorteile konkret spüren und greifen und die Werkzeuge souverän bedienen können, entstehen Akzeptanz und Vertrauen. Darüber hinaus braucht es eine klare strategische Verankerung: Förderprogramme, verbindliche Standards und organisatorische Rahmenbedingungen müssen 
sicherstellen, dass digitale Modelle nicht punktuell, sondern dauerhaft und systematisch genutzt werden.


Ausblick: Pflege zukunftsfest machen

Digitalisierung und KI eröffnen also die Möglichkeit, den Pflegenotstand nicht länger nur zu verwalten, sondern aktiv zu gestalten. Der Zukunftspakt Pflege bietet die Chance, diese Weichen jetzt zu stellen. Wichtig ist, KI-gestützte Planung nicht als isoliertes Projekt zu begreifen, sondern als Teil eines integrierten Systems, das Kommunen, Träger, Kassen und Einrichtungen verbindet.


Wenn es gelingt, diese digitale Transformation strategisch voranzutreiben, entsteht eine Pflege, die auch bei wachsendem Fachkräftemangel verlässlich funktioniert. Eine Pflege, die ihre Ressourcen effizient nutzt, Überlastung vermeidet und den Anspruch auf bedarfs- und bedürfnisgerechte Unterstützung einlöst. Kurz: eine Pflege, die ihren Namen verdient.