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Digitale Identitäten: Was leistet die EUDI-Wallet im Gesundheitswesen?

2026 soll – endlich – das Jahr des digitalen Aufbruchs in Deutschland werden. Eine zentrale Komponente dabei ist die EUDI-Wallet. Im Gesundheitswesen könnte sie die glücklose Gesundheits-ID ersetzen – und damit Funktionen wie das E-Rezept oder den Check-in bei medizinischen Einrichtungen erleichtern. Manchen schwebt aber noch sehr viel mehr vor.

Bild: © EU

Die große Koalition in Deutschland hat sich in Sachen Digitalisierung viel vorgenommen. Ein zentraler Akteur dabei ist das Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS) unter Führung des Ex-Media-Markt-Managers Karsten Wildberger (CDU). Es wurde in den letzten Monaten komplett neu aufgebaut und hat mittlerweile fast 500 Mitarbeiter:innen. Im Jahr 2026 soll es jetzt vom Aufbau in die Umsetzung gehen. Ein großes Themenfeld ist die Registermodernisierung, im Rahmen deren Tausende Datenbanken standardisiert vernetzt werden sollen. Ein weiteres Vorhaben ist der Deutschland-Stack, eine Technologieplattform für Digitalvorhaben von Bund und Ländern, die nicht zuletzt die föderale Zusammenarbeit erleichtern soll.

 

SPRIND baut nationale deutsche EUDI-Wallet
Aus Sicht des Gesundheitswesens ist vor allem das dritte Großprojekt des BMDS von Interesse, die europäische ID-Wallet bzw. European Digital Identity Wallet, kurz EUDI-Wallet. Eine nationale EUDI-Wallet soll, das ist eine EU-Vorgabe, am 2. Januar 2027 an den Start gehen, was bedeutet, dass die Bundesregierung den Bürger:innen bis Weihnachten 2026 eine solche nationale Wallet zur Verfügung stellen muss. Entwickelt wird sie in Deutschland von der Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND). 


Bei der Digital Health Conference des Bitkom Ende November in Berlin gab Clemens Schleupner, Product ­Owner Partner Integration im Nationalen EUDI-Wallet-Projekt der SPRIND, einen Ausblick auf das, was in Sachen EUDI-Wallet vom Bund erwartet werden kann. Von heutigen Wallets, wie sie beispielsweise auf Smartphones genutzt werden, unterscheide sich die EUDI-Wallet dadurch, dass sie den ePersonalausweis quasi als Wurzelidentität nutze, so Schleupner. Diese könne dann mit anderen, sektoralen Identitäten beziehungsweise Nach- und Ausweisen aller Art verknüpft werden, die höchste Anforderungen an die Identifizierung und Authentifizierung stellen. Schleupner nannte den Führerschein, die Geburtsurkunde, Sorgerechtsnachweise – und auch die Krankenversicherungskarte. 


Löst die EUDI-Wallet das Henne-Ei-Problem?

Für die Erstanmeldung bei der EUDI-Wallet sei die eID des Personal­ausweises inklusive einer PIN zwingend erforderlich, so Thomas Hampf, ­Director Sales bei dem eID- und QES-Anbieter ­AUTHADA. Nicht zuletzt soll auf diese Weise eines der großen Henne-Ei-Probleme der Digitalisierung gelöst werden: Hochsichere digitale Anwendungen werden nicht entwickelt, solange ausweisanaloge digitale Identitäten nicht eine gewisse Verbreitung haben. Und gleichzeitig werden existierende ausweisanaloge digitale Identitäten nicht in großem Stil nachgefragt, solange keine attraktiven Anwendungen dafür existieren. 


Für die Anwendungsseite sind neben Behörden und Körperschaften nicht zuletzt Industrieunternehmen zuständig. Entsprechend hat sich innerhalb des Bitkom eine Initiative gebildet, die rund 75 Unternehmen umfasst, die sich auf Initiative des BMDS in einem Memorandum zu dem Ziel bekannt haben, die EU-Wallet-Spezifikationen in ihren jeweiligen Prozessen bis zum Wallet-Start „so weit wie möglich“ auszurollen. Seitens des Gesundheitswesens sind insbesondere die CGM, die Online-Apotheke Red Pharmacy, der Messenger-Hersteller Famedly und die Berater von Wallet Experts an Bord. Die Regierungen der EU-Mitgliedsstaaten haben an einer agilen Industrie ein hohes Eigeninteresse. Denn sie müssen bis Ende 2027 wichtige staatliche Dienstleistungen über die nationale EUDI-Wallet anbieten können, auch das schreibt die EU gesetzlich vor. Ohne die Industrie wird das nicht klappen.


Gesundheitswesen soll sich mehr engagieren
Die entscheidende Frage ist: Wie wird aus einer Roadmap auf Basis eines politischen Wunschgedankens eine gelebte Wirklichkeit – etwas, das die Bürger:innen und die unterschiedlichen Sektoren der Volkswirtschaft auch wirklich spürbar voranbringt? „Wir müssen jetzt mit den unterschiedlichen Stakeholdern gemeinsam Anforderungen definieren“, sagte  Matthias Intemann vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). Dabei – das wird bisher noch eher wenig diskutiert – geht es nicht nur um die nationale EUDI-Wallet. „Es wird auch privatwirtschaftliche Anbieter von Wallets geben“, betonte Hampf, dessen Unternehmen AUTHADA als BSI-zertifizierter Dienstleister eine entsprechende Wallet gebaut hat.


In den unterschiedlichen Sektoren der Volkswirtschaft wird es jetzt darum gehen, Anwendungsfälle für die nationale EUDI-Wallet voranzutreiben – Online-Anwendungsfälle, aber auch Offline-Anwendungsfälle. Sowohl Intemann als auch Schleupner wünschen sich hier nicht zuletzt vom Gesundheitswesen etwas mehr Engagement. Der Gedanke, die digitale Gesundheits-ID künftig über die nationale EUDI-Wallet abzubilden und damit die Krankenversichertenkarte in die EUDI-Wallet zu übertragen, ist relativ naheliegend. Sie könnte dann nicht nur zur Identifizierung im Rahmen von Videosprechstunden oder digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) genutzt werden, sondern auch zum Check-in per Smartphone in der Arztpraxis. 


Doch konkrete Aktivitäten in dieser Richtung sind bisher zumindest nicht öffentlich: „Mir fehlt das Commitment, auch zum Beispiel des Bundesministeriums für Gesundheit, zu sagen: Wir digitalisieren die Krankenversichertenkarte und bringen sie in die Wallet, damit sie zum Beispiel für Arztbesuche genutzt werden kann. ­


In Frankreich hat die Regierung auf einem Souveränitätsgipfel angekündigt, die Krankenversichertenkarte als Credential in die Wallet zu bringen. Das fehlt in Deutschland bisher“, so Schleupner. Dialoge in dieser Richtung gebe es, betonte Intemann. Konkret ist freilich noch nichts. „Das Offline-Szenario ist im Wallet-Ökosystem einer der Teile, die noch Herausforderungen darstellen“, so Intemann ein wenig kryptisch.


Gesundheits-ID: „Ein komplett gescheitertes Projekt“
Auch Olaf Heinrich, CEO von Redcare Pharmacy, sieht in puncto EUDI-Wallet im Gesundheitswesen akuten Handlungsbedarf. Sein Unternehmen war Teil eines EU-Projekts, das unterschiedliche Use Cases für die EU-Wallet getestet hat. Neben Führerschein und Eröffnung eines Bankkontos war das auch die EUDI-Wallet-Variante des E-Rezepts, die Redcare gemeinsam mit der Bundesdruckerei und der SPRIND umgesetzt hatte. 
Dass eine Online-Apotheke digitale Identitäten mag, überrascht nicht, denn E-Rezepte werden dadurch effizienter. Eine digitale ID per EUDI-Wallet wiederum würde im Vergleich zu den digitalen Gesundheits-IDs derzeitiger Ausprägung nochmals Effizienzgewinne bringen – denn lediglich eine einzelne Wallet-Schnittstelle zu implementieren, ist im Zweifel weniger aufwendig, als rund neunzig Gesundheits-ID-Lösungen unterschiedlicher Krankenkassen. Für Heinrich ist vor diesem Hintergrund die Nutzung der EUDI-Wallet für eine digitale Identifizierung im Gesundheitswesen ein Nobrainer: „Das Gesundheitswesen allein bringt die digitale ID nicht zum Fliegen. Es gibt derzeit vier Millionen digitale Gesundheits-IDs. Wie viele aktive User die haben, veröffentlicht niemand. Das ist ein komplett gescheitertes Projekt. Die Gesundheits-ID muss Teil der EUDI-Wallet werden. Parallelinfrastrukturen auf Kassenseite müssen weg.“  


Wallets im Healthcare-Ökosystem: Noch viele offene Fragen
So naheliegend der Gedanke ist, die EUDI-Wallet zur digitalen Identifizierung im Gesundheitswesen zu nutzen, so komplex wird das Thema, wenn man etwas tiefer einsteigt: 

  • Könnte es neben der nationalen EUDI-Wallet im Gesundheitswesen vielleicht auch eine Rolle für privatwirtschaftliche oder andernorts angesiedelte EUDI-Wallets geben? 

  • Entsteht um die EUDI-Wallet(s) herum vielleicht sogar ein ganzes Ökosystem an Anwendungen und Use Cases, bei dem sich dann die Frage stellt, wie es sich zu anderen digitalen medizinischen Ökosystemen, insbesondere zur Telematikinfrastruktur verhält? 

  • Welche Rolle spielt die gematik und spielen die Krankenkassen in einem solchen komplexeren Ökosystem? Könnten Krankenkassen vielleicht sogar selbst als Wallet-Provider in Erscheinung treten?


Völlig abwegig seien solche Spekulationen nicht, sagt Dominik Deimel von der Wallet Experts GmbH, einer in Darmstadt ansässigen Strategieberatung zur EUDI- und EU-Business-Wallet sowie Initiator des Wallet Forums. Deimel blickt über den Tellerrand in Richtung Finanzbranche. Dort gebe es Akteure wie etwa die Sparkassen, die eine Integration einer Wallet in ihre bestehenden mobilen Apps anstrebten: „Das Ziel ist dabei die Orchestrierung von Daten, die ein Kunde in der Lebenswelt Finanzen benötigt. Der Personalausweis bleibt in staatlicher Hoheit, aber andere Nachweise liegen dann in der Wallet eines privaten Anbieters.“ 


Im Gesundheitswesen kann sich Deimel die Krankenkassen sehr gut als Wallet-Provider vorstellen. Vor allem sei dann die Chance größer, dass digitale Nachweise wirklich Teil des gelebten Gesundheitswesens würden – und nicht in abstrakten Applikationen des Staates bleiben, die punktuell für ausgewählte Identifizierungsvorgänge, aber für sonst nichts, genutzt werden. 


Mehr als nur Identifizierung

In Deimels Vision könnte eine „Healthcare-Wallet“ zum Beispiel in die Versicherten-App der Barmer oder Techniker Krankenkasse integriert werden. Sie würde dort zum einen identifizierende Funktionen erfüllen, die heute von krankenkassenunabhängigen ID-Apps oder von separaten Kassen-ID-Apps wie TK-Ident übernommen werden. Die integrierte Healthcare-Wallet könnte aber mehr als nur Identifizierung: Sie könnte auch digitale Nachweise speichern und zur Verfügung stellen – beispielsweise E-Rezepte oder auch Impfnachweise. „Selbst medizinische Daten wie z. B. der Notfalldatensatz oder eine Patienten-Kurzakte könnten in der Wallet gespeichert und unter der Hoheit des Patienten weitergegeben werden“, so Deimel.


Der Charme dieser Art der Datenweitergabe besteht Deimel zufolge darin, dass Informationen über eine Wallet selektiv und pseudonymisiert weitergegeben werden können – dank Kopplung an den ePersonalausweis mit maximal möglicher Authentizität. „Aus meiner Sicht ist die EUDI-Wallet nicht einfach die neue Gesundheits-ID. Sie kann genutzt werden, um zahlreiche Anwendungsfälle zu gestalten und den Datenaustausch auf ganz neue Füße zu stellen. Viele Verfahren, die heute über zentrale Fachanwendungen oder bei Krankenkassen in der Dunkelverarbeitung organisiert werden, lassen sich so deutlich effizienter und kostengünstiger durchführen“, so Deimel.


Auch andere sehen diese Chancen, warnen aber davor, zu schnell zu viel zu wollen: „Ich würde nicht ausschließen, dass es irgendwann attraktiv werden kann, eine eigene Wallet anzubieten“, betonte beispielsweise Moritz Becker, IT-Architekt bei der Barmer. Das aktuelle Hauptproblem sei aber, Anwendungen zum Fliegen zu bekommen, die ein hohes Vertrauensniveau erfordern. Entsprechend sei die Identifizierung und Authentifizierung aus Sicht einer Krankenkasse zunächst der bei weitem wichtigste Use Case.


Auch Martin Bumm, Director ­eHealth bei Redcare Pharmacy, will sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen: „Wir haben derzeit über zwölf Millionen Kunden, da wäre es schon naheliegend, eine eigene Wallet zu implementieren. Wir werden das aber nicht machen, das ist nicht unser Kerngeschäft. Unser Kerngeschäft ist Apotheke.“ Bumm plädierte auch dafür, nicht so zu tun, als sei die Wallet bereits ein Erfolgsmodell: „Die Wallet muss sich erst noch durchsetzen.“ Der Wallet-Ansatz habe sehr viel Poten­zial, weil es eine offene Plattform sei, die es erlaube, Identitäten aus anderen Kontexten auch im Gesundheitswesen zu nutzen. Dazu könnten Akteure des Gesundheitswesens aber auch mit etablierten Wallet-Anbietern kooperieren, ohne gleich alles selbst zu machen.